Politik : Wo Esel und Kamele helfen müssen

Die Parlamentswahlen in Afghanistan sind eine logistische Herausforderung

Elke Windisch[Moskau]

Mehr als tausend Esel und zwei Dutzend Kamele tragen in diesen Tagen Wahlurnen und Stimmzettel in die entlegensten Winkel Afghanistans. Die Parlaments- und Regionalwahlen, die am Sonntag am Hindukusch abgehalten werden, stellen die Organisatoren vor eine enorme logistische Herausforderung. Nach Angaben der Wahlkommission müssen 135000 Wahlurnen, 140000 Flaschen mit wasserfester Tinte und 404 Tonnen Möbel zu 26000 Wahllokalen gebracht werden.

Insgesamt weit über 6000 Kandidaten bewerben sich. Wahlberechtigt sind zwölf Millionen Menschen. 160000 Wahlhelfer und 60000 Sicherheitskräfte wurden in Crashkursen ausgebildet. Die Parlamentswahlen sind der offizielle Abschluss eines unter UN-Ägide ausgehandelten Friedensplans, auf den sich die internationale Gemeinschaft mit den wichtigsten politischen Gruppierungen des Landes auf der ersten Afghanistankonferenz einigte, die im Dezember 2001 auf dem Bonner Petersberg stattfand, unmittelbar nach dem militärischen Ende der Talibanherrschaft.

Den Sieg hefteten sich damals vor allem die Granden der einstigen Nordallianz an die Brust: Tadschiken, die die zweitgrößte Volksgruppe Afghanistans bilden und die wichtigsten Ämter in der Regierung von Hamid Karsai bekamen. Ethnische Flügelkämpfe des Kabinetts waren somit programmiert. Sie belasteten sowohl die Loya Dschirga – die große Ratsversammlung – die im Juni 2002 Karsai zum Interimspräsidenten wählte, als auch die verfassunggebende Versammlung im Januar 2004. Ein vorläufiges Ende fand das Machtgerangel erst bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Oktober. Karsai setzte sich dabei mit knapp 55 Prozent aller Stimmen durch und berief fast ausschließlich Paschtunen in die Regierung, die ihm direkt unterstellt ist. In den jetzt anstehenden Parlamentswahlen sieht die einstige Nordallianz die letzte Chance, die Macht zumindest teilweise zurückzuerobern. Dabei kommt ihr entgegen, dass die bisherige Erfolgsbilanz Karsais mäßig ausfällt – trotz internationaler Hilfe in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar.

In weiten Teilen der Bevölkerung gilt er als Vollstrecker US-amerikanischer Interessen. Die neue Verfassung ist ein umstrittener Kompromiss zwischen Moderne und Islam. Sicherheit und Stabilität stehen auf schwachen Füßen. Die Zentralregierung in Kabul kontrolliert weite Teile des flachen Landes nur nominell und stützt sich dabei vor allem auf ausländische Militärpräsenz – die etwa 9000 Soldaten der von Washington geführten Anti-Terror-Koalition und die rund 4500 Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf, die sich im Wesentlichen auf den Großraum Kabul beschränkt und nur wenige Außenposten im Norden unterhält. Zwei davon sind mit Kontingenten der Bundeswehr besetzt – 320 Mann in Kundus und 200 in Faisabad. Nach wie vor gibt es gravierende soziale Probleme, Armut und Arbeitslosigkeit. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt auf dem Lande direkt oder indirekt von der Opiumproduktion. Die Erlöse daraus machten 2004 rund 60 Prozent der gesamten afghanischen Wirtschaftsleistung aus.

Restbestände der Taliban haben sich in den unzugänglichen Hochgebirgsregionen im Grenzgebiet zu Pakistan neu formiert und kooperieren mit anderen oppositionellen Warlords. Vor allem im Süden und Südosten zetteln sie periodisch Unruhen an. Auf ihr Konto geht auch eine Reihe von Sprengstoffanschlägen.

Was die Afghanen jedoch am meisten umtreibt, ist die Angst, die Welt, die schon jetzt vor allem mit den Entwicklungen im Irak beschäftigt ist, könnte Afghanistan nach den Parlamentswahlen erneut vergessen. Dann, so die Sorge, könnte die Spirale der Gewalt erneut in Gang kommen.

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