Politik : Wo ist das Kreuz? (Glosse)

Stephan-Andreas Casdorff

Herrje, die Politik dieser Tage lässt zu nichts Zeit. Zum Schreiben, da muss es reichen, sagt der Kollege. Also schreiben - und nachdenken, in Ruhe. Andächtig sitzen, auf einem harten Stuhl, die Hände gefaltet, versinken, bis der Gedanke kommt. Nur wo?

Wir gehen in den "Plenarbereich Reichtagsgebäude", in Gedanken vorbei an Wolfgang Thierse und Michael Glos und achten ihrer nicht. Denn wir wollen zum Andachtsraum und dort versinken in der anderen Welt. Eine kleine Ewigkeit. Wollen nachsinnen über Sozialismus und Protestantismus und darüber, ob das irgendwie zusammenpasst. Und dann . . . Aber wo ist das Kreuz?

Das Kreuz ist mal da und mal nicht. Es ist ambulant. Unterwegs im Reichstag - ein interessanter Gedanke, weil hier ja auch jeder seines trägt. Alle, wie sie jetzt hier in Berlin sind, sonnenbeschienen, so dass sich Lichtkränze um ihre Häupter winden. Ob sie das verdient haben? Thierse und Glos, Gerhard Schröder und Wolfgang Schäuble, sind sie nicht alle ein Kreuz, manchmal? Und gerade Reinhard Klimmt, der protestierende Sozialist. Aber das ist auch schon wieder eine Ewigkeit her. Stunden.

Man stelle sich vor: Das Kreuz wartet in einem Besenschrank oder in einem gefütterten Etui. Rot oder schwarz, welche Farbe das Futteral haben mag? Und darf Gregor Gysi ein Kreuz haben? Doch da würde Glos, der Christsoziale, bestimmt gleich wieder protestieren. Er ist ja auch ein Katholik.

Wir tauchen wieder auf aus den Gedanken. Die Zeit . . . Schnell schauen wir uns noch einmal um: Kein Politiker nutzt diesen Raum für die Andacht. Ach Gott, ein Zufall ist das wohl nicht. Das ist die Politik dieser Tage.

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