Politik : Wo ist Stoiber?

CDU/CSU IM WAHLKAMPF

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Von Hermann Rudolph

Der Wahlkampf ist bei einer erstaunlichen Verkehrung der Fronten angekommen. Der Titelverteidiger attackiert, fast schon jenseits allen Kalküls. Doch der Herausforderer hält sich zurück, gibt sich gummiweich und macht die Angriffsflächen klein. Und während die SPD die Öffentlichkeit mit ihrem Kampf gegen die drohende Niederlage beschäftigt, sieht die Union zu, tritt dynamisch auf der Stelle und hofft inständig, dass ihr auf dem Weg zum 22.September nichts mehr dazwischenkommt. Unter dem Diktat der Umfragezahlen dämmert ein Fall von sich selbst erfüllender Prophetie herauf: Die Wahl scheint gelaufen, weil sie gelaufen zu sein scheint. Stoiber wird gewinnen, weil Schröder verlieren wird. Nur nicht daran rühren, heißt das Wahlkampf-Motto der Union. So einfach ist das.

Ist es wirklich so einfach? Vor allem: Kann man sich damit zufrieden geben? Dass Wahlen nicht gewonnen, sondern verloren werden, gehört zwar zum politischen Einmaleins. Aber das Ausmaß, in dem Stoiber und die Union von den Enttäuschungen über Rot-Grün leben, hat angesichts des Umstandes, dass sie uns demnächst – vielleicht – regieren, auch etwas Beklemmendes. Denn so überzeugend ist das Bild, das sie bieten, nicht. Am viel gerühmten Kompetenzteam ist das beste die Aussicht, wieder den früheren CDU-Chef Wolfgang Schäuble und Lothar Späth in Ämtern zu sehen. Was die Union eigentlich machen wird, bleibt vage. Und so sehr sich die Waage zugunsten der Union geneigt hat, so wenig ist das Gewicht des Kandidaten dafür die Ursache. Stoiber, der den politischen Willen der Union doch personifizieren müsste, ist nicht die Sturmspitze ihres Wahlaufgebots. Er ist eher seine Schwachstelle.

Tatsächlich hängen Stoibers Sympathiewerte den siegverheißenden Daten der Union deutlich hinterher. Darin mag sich niederschlagen, dass er – gemessen an Schröder oder Fischer – noch immer über ein geringere Bekanntheit verfügt. Auch wohl – bei allen Fortschritten, die Stoiber gemacht hat – sein unsicheres Auftreten. Zumindest im Norden steckt in dieser Diskrepanz vielleicht auch ein gewisser Vorbehalt gegen den Bayern Stoiber – dass er sich, nach dem Spott von Mit-Bayern, neben richtigen Exemplaren des homo bavariensis so bayerisch ausnimmt wie der Dalai Lama, macht die Sache nicht besser. Vor allem aber schlagen sich in diesem Nachhängen die Zweifel darüber nieder, ob Stoiber wirklich das Zeug hat, diese Republik in ihrer gegenwärtigen Lage zu regieren.

Die Enttäuschungen, aus denen der Wiederaufstieg der Union herausgewachsen ist, werden mit dem 22.September umschlagen in Erwartungen an den Sieger. Sind Stoiber und die Union stark genug, um diese Lawine in eine überzeugende Politik umzusetzen? Ist die Union wirklich schon regeneriert? Und der Kandidat? Er ist, gewiss doch, ein erfolgreicher Ministerpräsident. Aber Bundespolitik hat er bisher nur von der Bundesratsbank aus gemacht. Ist er in der Lage, Politik nicht nur als Landespolitik mit anderen Mitteln zu betreiben?

Keiner kann das heute sagen. Umso beunruhigender ist es, dass diese Fragen bis jetzt nicht dorthin gerückt sind, wo sie hingehören – nämlich ins Zentrum der Debatte. Kann es sein, dass viele in der Bundesrepublik es bis jetzt bestenfalls bis zu der Verwunderung gebracht haben: Wirklich Stoiber? Aber da hilft nun kein herablassendes Sich-Erheben mehr über den Kandidaten, der aus dieser wunderlichen weiß-blauen CSU-Welt kam. In sechs Wochen ist er, vielleicht, Kanzler. Es besteht ein dringlicher Bedarf, zu erörtern, wer er ist und wofür eine Unions-Regierung unter ihm steht.

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