Politik : Wo Routine tödlich ist

Deutsche Soldaten in Afghanistan: Zum Jahrestag des 11. September sind sie besonders wachsam

Ulrike Scheffer[Kabul]

Hauptmann Amredin erkennt seinen deutschen Kameraden nicht sofort. Erst als der Oberfeldwebel seine Sonnenbrille abnimmt, sieht der Afghane, wer vor ihm steht. „Thomas! Wie geht es dir", ruft er und umarmt den Deutschen, der den kleinen Hauptmann mit seiner schusssicheren Weste beinahe zu erdrücken scheint. Die beiden haben vor kurzem zwei Tage zusammen hier oben in den Bergen am Südrand Kabuls verbracht – wo Amredin einen Beobachtungsposten der afghanischen Armee unter sich hat, und wo gelegentlich eine Patrouille der internationalen Schutztruppe Isaf vorbeikommt.

Zwanzig Minuten haben sich die beiden offenen Isaf-Jeeps von der staubigen Piste im Tal nach oben vorgearbeitet. Die deutschen Soldaten wollen herausfinden, ob sich etwas zusammenbraut hinter den Bergen vor der Hauptstadt, denn am Donnerstag jährt sich zum zweiten Mal der Tag, an dem zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York flogen. Der Befehl für die Anschläge kam mit großer Wahrscheinlichkeit aus Afghanistan, von Osama bin Laden. Mit den früheren Herrschern in Kabul, den Taliban, wird der Al- Qaida-Chef auch für mehrere Anschläge in Afghanistan selbst verantwortlich gemacht. Die beiden Gruppen haben sich nach dem Sturz der Taliban durch US-Truppen und oppositionelle Afghanen ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zurückgezogen und versuchen, mit immer neuen Attacken, den Wiederaufbau Afghanistans zu stören.

Tee im Kommandostand

Amredin bittet Thomas Terstegge und den Patrouillenführer, Oberfeldwebel Sven Deiss, in seinen Kommandostand. Der zweigeteilte Innenraum ist mit Matten ausgelegt. Hier arbeitet Amredin, hier schläft er und hier bewirtet er seine Gäste. Ein Soldat seiner Einheit serviert Tee. Er hat ein langes Hemd an, Pluderhosen und eine Filzmütze auf dem Kopf. Die dunkelgrüne Uniform der neuen afghanischen Armee trägt hier der Chef.

Die Isaf hält engen Kontakt zu den afghanischen Einheiten, sie sieht sich als Unterstützungstruppe für die Nationalarmee, die sich noch im Aufbau befindet. Deshalb auch war Terstegge zwei Tage bei Amredin im Einsatz. „Ich habe den Alltag der Soldaten kennen gelernt oder, besser gesagt, ihre Langeweile, denn auf dem Berg passiert praktisch nichts“, berichtet er. Das war nicht immer so: Das Gelände rund um die Militärstation ist übersät mit rostigen Patronen aus dem mehr als 20 Jahre währenden Bürgerkrieg.

Die deutschen Soldaten wissen, dass man bei einem Afghanen nicht mit der Tür ins Haus fallen darf. Sie erkundigen sich nach Amredins Familie, nach einem seiner Soldaten, der seit Monaten krank ist – und nach den Brautpreisen. Als sie endlich auf die Sicherheitslage zu sprechen kommen, geht Oberfeldwebel Deiss behutsam vor. Er fragt nicht nach verdächtigen Vorkommnissen, sondern ob sich im Gelände etwas verändert, ob der Verkehr unten im Tal zugenommen habe. Amredin nickt heftig. Ja, der Verkehr habe zugenommen, sagt der Übersetzer. Viele Leute wollten jetzt Häuser bauen und an der Straße unten im Tal Ziegel kaufen. Ansonsten sei dem Hauptmann nichts aufgefallen.

In der unwirtlichen Steppe gibt es tatsächlich Ziegel zu kaufen. Die alte Steinpiste ist die Straße der Ziegelöfen, zu Dutzenden stehen sie wie übergroße Termitenhügel in der kargen Steppenlandschaft. Das Geschäft läuft gut, denn in Kabul gibt es viel aufzubauen.

Deiss lehnt sich zurück. „Was gibt es Neues in den Dörfern? Sind irgendwelche Veranstaltungen geplant?“ Er spielt auf den Todestag von Ahmed Schah Massud an, dem früheren Führer der Nordallianz, die gegen die Taliban kämpfte und jetzt an der Regierung beteiligt ist. Massud wurde zwei Tage vor den Anschlägen in New York ermordet. Auch hier soll bin Laden der Auftraggeber gewesen sein. Die neue Regierung unter Präsident Hamid Karsai hat Massuds Todestag zum Feiertag erklärt. Tausende gedachten am Dienstag des Getöteten. Zentren waren Massuds Grabstätte nahe seiner Heimatstadt im Norden Kabuls und das Sportstadion der Hauptstadt, wo sich 15 000 Trauernde versammelten. Die Feiern sind, das wissen die Deutschen, ein potenzielles Ziel für Terroristen. Amredin jedoch weiß von keinen Veranstaltungen.

„Die Gespräche und unsere Beobachtungen, das ist wie ein Puzzlespiel. Irgendwann fügt es sich zusammen und ergibt ein Bild“, sagt Deiss. Dazu gehört auch die Stimmung in der Bevölkerung: Wie ist sie mit der neuen Regierung zufrieden und mit dem Wiederaufbau? „Präsident Karsai ist ein lieber Mann, aber er hat nicht gehalten, was er uns versprochen hat“, sagt der Hauptmann aus den Bergen. Der Wiederaufbau gehe zu langsam voran. Doch in Kabul ist er spürbar. Zwar hausen noch immer Flüchtlinge unter Zeltplanen, doch an anderen Stellen haben die robusten Planen mit dem Aufdruck vom UN-Flüchtlingshilfswerk längst neue Verwendung gefunden. Händlern dienen sie als Dach für ihre Marktstände, Familien als Tür- oder Fensterersatz für ihre reparierten Häuser.

Von den Anschlägen nichts gewusst

In kleinen Werkstätten an den Straßenrändern werden Möbel gebaut, schrottreife Autos wieder mobil gemacht oder auch Türen und Tore geschweißt – viele haben schon wieder etwas, das durch Schloss und Riegel geschützt werden muss. Nagibullah Fagirsade misst die Veränderungen in Kabul schlicht am Inhalt seines Magens: „Unter den Taliban konnte ich mir zwei Mahlzeiten leisten, jetzt kann ich dreimal am Tag essen“, sagt er. Der 35-Jährige hat in der DDR eine Offiziersschule besucht, wurde von den Taliban später aber aus der Armee entlassen. Jetzt arbeitet er beim deutschen Kontingent der Isaf. Nebenbei hilft er seinem Schwager, der ein Taxi besitzt. Dass der Wandel in seinem Land mit den Anschlägen vom 11. September zusammenhängt, hat Nagibullah wie die meisten Afghanen sehr spät erfahren. „Als die Amerikaner kamen, dachten wir, sie wollten uns einfach nur helfen. Von den Anschlägen wussten wir nichts.“

Die Isaf ist in diesen Tagen dennoch besonders wachsam. Zumal Terroranschläge in Kabul bisher meist von Attentätern begangen wurden, die von außerhalb kamen – wo der Aufbau nur schleppend vorankommt. Von neuen Bündnissen zwischen den Taliban und Kriegsherren wie Gulbuddin Hekmatyar ist die Rede. Auch bei dem Anschlag auf einen Isaf-Bus im Juni in Kabul gehört er zum Kreis der Verdächtigen. Die Bombe war in einem Taxi versteckt. Sie explodierte, als das Auto den Bus überholte. Vier deutsche Soldaten überlebten das Attentat nicht. Patrouillen, wie die von Oberfeldwebel Deiss, versuchen, sich gegen solche Angriffe abzusichern. Auf breiten Straßen fahren sie so versetzt, dass niemand überholen kann. Ein Soldat beobachtet den Verkehr, das Gewehr im Anschlag. Routine können sich die Soldaten nicht leisten. Das wird ihnen spätestens dann bewusst, wenn sie die Stelle passieren, an der ihre Kameraden starben.

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