Politik : Wo sich Leistung lohnt

WER DARF AN DIE UNI?

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Von Tissy Bruns

Keiner weiß so recht, wie sie eigentlich über uns gekommen ist, die EliteUniversität. Und schon gar nicht wissen es die Sozialdemokraten, die uns zu Jahresbeginn damit überrascht haben. Binnen vier Wochen hat der in Deutschland eher verpönte Begriff eine erstaunliche Karriere gemacht. Die Elite- heißt nun Spitzenuni; um fünf in Deutschland zu ermitteln, will Bildungsministerin Bulmahn einen millionenschweren Wettbewerb veranstalten. Die Union will mit einem „Elite-Netzwerk“ kontern. Zeitgleich bricht eine Diskussion um Numerus clausus und Hochschulzugang los. Und schließlich plädiert der Wissenschaftsrat für eine neue Nationale Akademie. Ganz unterschiedliche Vorschläge, aber sie passen alle unter eine gemeinsame Überschrift: Wir wollen wieder Spitze sein.

Da haben wir ihn endlich zu fassen, den strategischen Punkt, der immer so schwer zu erkennen ist, wenn in Deutschland eine Bildungs- oder Hochschuldiskussion ausbricht. Schulen und Universitäten sind Ländersache. Deshalb landet die politische Debatte bei diesem Thema besonders schnell beim Streit um Zuständigkeiten, der in Deutschland verlässlich in die Sackgasse führt. Die „Spitzenuni“ erweist sich als stark schon deshalb, weil sie durch das übliche Kompetenzgerangel offenbar nicht abzuwürgen ist. Nicht, dass es keiner versucht hätte. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch wollte am Wochenende kurzerhand das Bundesbildungsministerium abschaffen, sein saarländischer Amtskollege Peter Müller sieht die Föderalismusdiskussion konterkariert. Die SPD-Länderminister grollen und grummeln. Und die Leitlinien der Union für ein Elite-Netzwerk der Fakultäten sollen der Bundesministerin etwas entgegensetzen – ein ziemlich bemühter Versuch, dem Spitzengedanken Recht zu geben und trotzdem den Kampf um die Kompetenzen gegen die Bundesministerin zu führen.

Die Spitzenuni ist ein produktiver Leitbegriff für die Hochschulpolitik, weil damit die schlimmste Schwäche auf den Punkt gebracht wird: die unvermeidliche Leistungslethargie unserer unterfinanzierten Massenhochschulen, bei denen weder Breiten- noch Spitzenbildung richtig funktionieren. Mental produktiv, weil die Botschaft mit dem Missverständnis aufräumt, die große Öffnung der Hochschulen seit Ende der 60er Jahre garantiere Studium und Aufstieg wie von selbst. Doch Aufstieg setzt Bildungshunger und -anstrengungen voraus. Strukturell schlägt die Spitzenuni der frommen Lebenslüge ein Schnippchen, der Föderalismus schaffe den Wettbewerb, den Wissenschaft und Forschung brauchen, um internationale Spitze zu sein. Tatsächlich hat der Föderalismus über drei Jahrzehnte zu Doppelstrukturen und Institutionengestrüpp geführt.

Zum Glück sind die Hochschulen besser als ihr Ruf. Zu Recht kann Deutschland für sich reklamieren, dass die Durchschnitts-Uni hier mehr leistet als die in den USA. Und natürlich gibt es Spitzenleistungen. Umso mehr können wir uns zumuten, die Schwächen deutlich auszusprechen. Lange Studienzeiten, bis zu 40 Prozent Abbrecher, der unendliche Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis zum neuen Produkt am Markt, die Abwanderung der Spitzenkräfte, das Ausbleiben ausländischer Studenten und Doktoranden. Wer Sorge hat, die Spitzenuni ließe das Arbeiterkind im Stich, hat die schlimmste Schwäche des deutschen Bildungswesens nicht verstanden: Es ist nicht nur ineffizient, es ist ungerecht. In der Massenuni ist das Arbeiterkind auf der Strecke geblieben.

Es ist richtig, Spitzenleistungen, die sich international messen sollen, mit Bundesmitteln zu stimulieren und zu fördern. Fünf Spitzenunis, die um 250 Millionen Euro aus Bundesmitteln kämpfen, können sich doch ergänzen mit einem Elite-Netzwerk von Fakultäten, die in die Konkurrenz um Ländermittel gehen. Warum nicht eine neue Allianz der erfolgreichen Bildungsländer Bayern und Baden-Württemberg mit dem Bund? Die SPD und Bulmahn wiederum sollten endlich auch B sagen. Studiengebühren müssen keine soziale Schranke sein, wenn man sie vernünftig organisiert. Aber sie machen den Gedanken stark, dass Bildung wirklich etwas wert ist und dass nach oben nur gelangt, wer etwas leistet. Nur nebenher: Das war einmal eine sozialdemokratische Idee.

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