• Wo zum letzten Gefecht aufgerufen wird - Das traditionelle Treffen war schon immer ein Stimmungstest für die FDP

Politik : Wo zum letzten Gefecht aufgerufen wird - Das traditionelle Treffen war schon immer ein Stimmungstest für die FDP

Hermann Rudolph

Zumindest auf die längste politische Tradition können die Liberalen in Deutschland zurückblicken. Das Dreikönigstreffen verkörpert diese Überlieferung überdies noch mit einer Veranstaltung, die nicht weniger als 134 Jahre zurückreicht: Am 6. Januar 1866 trafen sich zum ersten Male Delegierte der Demokratischen Volkspartei in Stuttgart - es ist diese Partei, die mit den Buchstaben DVP und Schrägstrich noch immer am Namen der baden-württembergischen FDP hängt. Seither, unterbrochen lediglich durch Jahre 1933 - 1945, ist das Dreikönigstreffen ein festes Datum im Kalender der württembergischen Liberalen. Seit achtzig Jahren mit einem Landesparteitag verbunden, hat die Versammlung noch immer etwas von dem Charakter eines Familientreffen der südwestdeutschen Liberalen. Eigentlich eine Kundgebung, findet sie seit Urzeiten am Vormittag im württembergischen Staatstheater statt - ein ehrwürdiges Einsprengsel einer fast verschollenen politischen Kultur im modernen Parteibetrieb.

Nicht ganz so lange, aber ebenfalls schon seit schwer erinnerbaren Zeiten benutzt die FDP dieses Dreikönigstreffen als Bühne für den politischen Aufgalopp des neuen Jahres. Die württembergische Tradition mit ihrem mittelständischen "ebbes Doktor, ebbes Bäck"-Charme im Rücken, eine aufnahmebereite Öffentlichkeit vor sich - wegen des jahrezeitlich bedingten Mangels an konkurrierenden Ereignissen -, konnte die FDP von hier aus ihre Botschaften Jahr für Jahr ins Land hinaussenden. In günstigen Zeiten kommt das auf eine Erbauungs- und Ermutigungsstunde heraus, bei der sich die jeweilige Parteiführung einträchtig mit aufmunternden Reden präsentiert. Aber ziemlich oft war das Dreikönigstreffen auch ein Ort, auf dem sie im Blick auf die bevorstehenden Wahlen ihre Gefolgschaft zum letzten Gefecht aufrief.

Insofern lassen sich die Jahresringe der Geschichte der FDP ziemlich genau an der Tonlage der Dreikönigstreffen ablesen. Sie spiegeln das Auf und Ab einer Partei, deren Wirkungsgrad - vergleicht man Umfang und Einfluss - größer als der jeder anderen Partei in der Bundesrepublik sein dürfte. Jahrelang hielt sich der Spott, dass es unmöglich sei, von der FDP nicht regiert zu werden. Das bezog sich nicht nur darauf, dass sie im Bund länger als jede andere Partei regierte - nämlich bis 1998 immer, ausgenommen die vier Jahre der CDU/DP-Regierung von 1957 bis 1961 und die Zeit der Großen Koalition zwischen 1966 und 1969 -; sie war auch an zahlreichen Landesregierungen beteiligt. Vor allem aber hat sie die beiden Regierungswechsel 1969 und 1982 bewirkt.

Vergessen wird dabei zumeist, dass die Partei diesen Einfluss teuer bezahlt hat. Der Wähler liebt den Wechsel, aber nicht den Wechsler und drückte sie nicht nur bei den folgenden Bundestagswahlen, sondern vor allem auch danach bei den Landtagswahlen. Auch in den achtziger Jahren wurde die FDP beispielsweise schon aus der Hälfte der Landtage gekippt und zu einer Partei degradiert, die gewählt wurde, um die Koalition auf der Bundesebene zu garantieren. Also nichts Neues unter der Sonne, wenn man auf ihre heutige Lage blickt? Doch die Niederlagen der FDP bei den vergangenen Landtagswahlen wiegen schwerer. Um das Überleben kämpfen musste sie schon oft - die Rede vom Läuten des Todesglöckleins begleitete sie seit Jahrzehnten -, aber die Abfertigung mit einstelligen Prozentzahlen in der Nähe von Splitterparteien ist etwas Neues. Sie zeigt, dass die Strukturen des Parteiensystems sich geändert haben.

Wenn zu Dreikönig das Haus voll ist, füllen die Wähler im neuen Jahre die Scheuern, lautet die etwas künstliche politische Bauernregel, die beim Dreikönigstreffen immer wieder einer aus der Versenkung holt. Voll war das Haus immer. So wird es auch diesmal sein. Aber ob die Regel noch hilft?

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