Politik : Wohin die Reise geht

Von Flora Wisdorff

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Lange nicht mehr haben Reiseveranstalter, Ferienfluggesellschaften und Hotelbetreiber so zuversichtlich in ein Reisejahr geblickt wie dieses Mal. Es ist kaum zu fassen: War da nicht erst vor wenigen Wochen noch der Tsunami, der an den Stränden Südostasiens hunderttausende Menschenleben forderte? So wie im vergangenen Jahr der Bombenanschlag von Madrid, davor der Irakkrieg und die Lungenkrankheit Sars und davor die Anschläge des 11. September die Lust am Verreisen dämpften?

An einem hat das nichts geändert: Die Deutschen reisen immer noch, und am liebsten besuchen sie die Städte, Landschaften und Strände im Inland. An zweiter Stelle steht Europa, dann kommen die Fernreisen. Vor allem hier erwarten die Tourismusexperten die Trendwende. Die Deutschen werden in diesem Jahr endlich wieder ins Ausland reisen.

Naturkatastrophen und Terror schrecken Menschen nur kurzfristig ab, dem Alltag zu entfliehen und in der Sonne zu liegen. Es hört sich makaber an, aber in ein paar Monaten werden die Strände, denen die Flutwelle so viel Schrecken gebracht hat, wieder von Touristen bevölkert sein. Jeder muss für sich entscheiden, ob er an einem solchen Unglücksort Urlaub machen kann. Fest steht aber, dass sich die Hoteliers in Thailand und Sri Lanka darüber freuen würden. Die Touristen bringen das nötige Geld, auch für den Wiederaufbau.

Den Thailändern ist es egal, ob Einzelreisende oder Pauschaltouristen ins Land kommen. Sicher aber ist, dass viele Menschen ohne die Pauschalangebote einfach nicht wagen würden, nach Asien oder auch nur nach Spanien zu fahren. Vielleicht würden sie sich nur vor der fremden Sprache fürchten, vielleicht hätten sie auch Angst, sich vor lauter Reise-, Speise- und Unterkunftorganisiererei nicht mehr erholen zu können. Ohne organisierte Reisen wären viele Länder dieser Welt jedenfalls ärmer.

Sicher, der Pauschaltourismus hat Schattenseiten. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Gast und Gastgeber hat Sextouristen nach Thailand gelockt. Unterschiedliche Werte – auch religiöse – haben in islamischen Ländern zu Konflikten geführt. Aber die Touristen sind in den meisten Ländern willkommen. In Thailand macht der Tourismus sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Und auch Pauschaltouristen lernen etwas von dem Land kennen, in dem sie Ferien machen. Zwar will sich die große Mehrheit der Gäste im Urlaub vor allem entspannen. Kultur und Bildung kommen bestenfalls an zweiter Stelle. Aber wenn sie einmal da sind, identifizieren sich viele auch mit den Menschen, die ihnen den Urlaub so angenehm wie möglich machen. Auch so erklärt sich die große Spendenbereitschaft der Deutschen für die Opfer der Flutwelle: Mehr als 500 Millionen Euro kamen binnen Wochen zusammen.

Das Spiegelbild dazu ist ein „weltoffenes“ und „fröhliches“ Deutschland, als das sich unser Land auf der ITB zeigen will. Ein Land, das man gern und ohne Angst besuchen kann. Ein Land, in dem man auch dann gut bedient wird, wenn man ohne Pauschalangebot und Deutschkenntnisse unterwegs ist. Dazu, das sagt der deutsche Tourismusverband, fehlt uns noch ein bisschen was. Doch der Bundeskanzler persönlich hat sich der Sache angenommen und will an diesem Freitag auf der Tourismusmesse um Gäste für Deutschland werben. Schließlich findet bei uns die Fußballweltmeisterschaft statt. Aber bis zum kommenden Jahr ist ja noch ein bisschen Zeit.

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