Politik : Wohin mit ihnen?

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Ich weiß deshalb noch genau, wie der Tag verlief, weil der 9. November der Geburtstag meiner Frau ist. Es war für mich 1989 ein wahnsinnig strapaziöser Tag. Ich habe am Morgen einen Vortrag gehalten, in Südtirol, in Bozen, und bin dann auf einem ziemlich wackeligen Flug nach Konstanz geflogen. In Konstanz war an diesem Tag eine Konferenz der Euregio Bodensee, der Bodenseeanrainerstatten Schweiz, Österreich, Liechtenstein und Deutschland. Dort habe ich mitdiskutiert, und von Konstanz aus bin ich am späten Nachmittag mit dem Hubschrauber nach Stuttgart geflogen und bin dann in mein Büro, um die notwendigen Aufräumarbeiten noch am Abend zu machen. Als ich dann nach Hause zur Geburtstagsfeier meiner Frau wollte – das Fest war schon längst in vollem Gange –, rief mich Landesinnenminister Dietmar Schlee an und informierte mich, dass in Berlin die Mauer offen sei.

Meine erste Reaktion war: Mein Gott, wie organisieren wir das, wenn jetzt Millionen von Menschen mit der Maueröffnung rüberkommen? Wir hatten uns nach den Flüchtlingsströmen über die Tschechoslowakei ja längst mit der Frage beschäftigt, wo man die Menschen unterbringt, ob man Turnhallen vorbereiten muss zum Beispiel. Wir haben dann die ganzen denkbaren Notfallmaßnahmen anlaufen lassen, danach bin ich nach Hause gefahren. Die Geburtstagsgesellschaft habe ich mit der Nachricht überrascht, die hatten ja weder Fernseher noch Radio an, die wussten von gar nichts. Und den Rest des Geburtstagsabends haben wir ferngesehen, wie die meisten Menschen in der Bundesrepublik wohl.Fotos: dpa, ddp

Lothar Späth war 1989 Ministerpräsident in Stuttgart, heute ist er im JenoptikAufsichtsrat.

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