Politik : Wohin sie auch kommen

ELKE WINDISCH

Gedankenverloren streicht Abai Ramadan über die frisch gepflückten Tomaten.Tiefrot sind sie, riesig groß und genauso glänzend wie die, die er jeden Sommer im Kosovo geerntet hat.Hier, im schmalen Küstenstreifen zwischen Schwarzem Meer und Westkaukasus, der die rauhen Winde aus der russischen Steppe fernhält, reifen die ersten schon Anfang Mai.Doch Abai hat keine Freude an seiner Ernte.Sie gehört ihm ebensowenig wie die fette Schwarzerde, auf der sie heranwächst.Abai, in dessen Familie die Männer seit Generationen wohlhabende Bauern sind, schindet sich als Tagelöhner auf eben jenem Land ab, das seine Ahnen vor mehreren hundert Jahren urbar machten.Der Lohn langt für das nackte Überleben."Wir Kosovo-Tscherkessen sind unter einem schwarzen Stern geboren", sagt Abai."Nirgendwo auf dieser Welt werden wir zur Ruhe kommen."

Zusammen mit den Tschetschenen und den Völkern Dagestans erhoben sich die Tscherkessen Mitte des vergangenen Jahrhunderts gegen die russische Fremdherrschaft im Kaukasus.Besiegt wurden sie erst nach einem über zwanzigjährigen, verlustreichen Krieg.Die Überlebenden ließ Zar Alexander II.deportieren.800 000 nahm die osmanische Türkei auf.Einen Teil der Flüchtlinge siedelte Sultan Abdül Aziz I.im Kosovo an.Als Wehrbauern sollten sie den Westen des zerfallenden Großreiches gegen die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Serben verteidigen.Rund 4000 Tscherkessen-Familien machten sich 1865 mit ihren Panjewagen auf die über 3000 Kilometer lange Wanderung quer durch Anatolien und den Balkan.Die meisten ließen sich in den Dörfern Donji Stanovci und Miusar bei Pristina nieder."Der osmanische Sancak bey hatte ihnen gesagt, sie sollen sich das Stück Land aussuchen, das ihnen am besten gefällt", erzählt Abai Ramadan: "Am siebten Tag kamen sie in ein Tal, eingerahmt von schneebedeckten, bis zur halben Höhe bewaldeten Bergen, durch das sich, wie in der alten Heimat, ein kristallklarer Fluß durch grüne Wiesen schlängelte - der Avrag.Hier luden sie am nächsten Morgen ab." Der Grund: Pferde und Maultiere hatten rote Mäuler, weil sie sich in der Nacht den Wanst mit Walderdbeeren vollgeschlagen hatten.So wie im Kaukasus, den sie nie wiedersehen würden."Das ist keine Legende, das ist wirklich so gewesen", sagt Abai.

Bis Ende der Achtziger lebten die Tscherkessen - damals noch etwa 800 Seelen - einträchtig zusammen mit Serben, Albanern, Türken, Juden, Zigeunern, Ungarn und Bulgaren.Dann hob Slobodan Milosevic die Selbstverwaltung im Kosovo auf.Die Albaner konterten mit massenhaftem Zuzug von Verwandten aus Albanien.Als nunmehr mit Abstand stärkste Volksgruppe verlangten sie von den Tscherkessen, ihre Kinder, statt in die serbische fortan in die albanische Schule zu schicken."Wir Muslime müßten gegen das Serbenpack zusammenhalten, haben sie uns erklärt", erinnert sich Hasan Abdullah."Wir haben das abgelehnt.An Belgrader Hochschulen, wohin wir unsere Kinder immer geschickt haben, wird serbisch unterrichtet." 1991, beim Umtausch der Ausweise, zwangen die lokalen Behörden, inzwischen ausschließlich Albaner, den Tscherkessen albanische Namen auf."Bis dahin hieß ich Abu Gutty", sagt Abai Ramadan."Ich hatte keine Wahl.Nachbarn, die sich weigerten, haben sie den Hof angesteckt und das Vieh weggetrieben."

Doch dann kommen Emissäre der Nationalbewegung Adyge Chasä aus Rußland nach Donji Stanovci, um für die Rückkehr der Tscherkessen in ihre historische Urheimat zu werben - den Autonomen Kreis der Adygejer.Um das Unrecht der Zarenzeit wiedergutzumachen, hatte das russische Ministerium für Nationalitätenpolitik 15 Millionen Rubel, damals etwa 16 Millionen Dollar, für ein Programm zur Repatriierung der inzwischen über die ganze Welt verstreuten fünf Millionen Tscherkessen bewilligt.Kernstück: das Dorf Mafähabl - wörtlich übersetzt "Glück" - mit 200 nach westlichem Standard gebauten Höfen für die Rücksiedler.Das sorgt in Stanovci nächtelang für erregte Diskussionen.Ebenso das Versprechen, jede Familie werde 45 Morgen Land bekommen.Abwarten, raten die Alten.Alles renkt sich im Kosovo wieder ein.

Nichts renkt sich ein.Am letzten Tag des vergangenen Septembers bittet Hasan Abdullah zum letzten Mal Gäste an den riesigen Nußbaumtisch in seiner guten Stube.Gezimmert vom Großvater, noch bevor das Haus stand.Viele kommen, um Glück auf dem Weg zu wünschen: Serben, Albaner, Türken.Der selbstgebrannte Sljivovica fließt in Strömen und im Hof dreht sich der Kolo - ein Rundtanz, der nur schwer in Fahrt kommt, aber wenn, nicht mehr zu bremsen ist: Hajde Jano, kucu da prodamo.Kucu da prodamo, samo da igramo.Laß uns das Haus verkaufen, wenn wir von dem Geld dafür den Kolo tanzen können.Hasan Abdullah laufen beim Singen die Tränen in den weißen Bart.Hab und Gut hat seine Familie für ein Butterbrot verschleudern müssen.Krieg liegt in der Luft und drückt die Nachfrage.

Als der Morgen dämmert, fahren Busse vor.Ziel: der Flughafen in Belgrad, wo ein Transporter des russischen Ministeriums für Katastrophenschutz wartet.An Bord betastet Hasan Abdullah immer wieder die Brusttasche seines Anzugs.Dort hatte er stets den Ladenschlüssel verwahrt, den er kurz vor der Abfahrt Freund Zoranj, einem Serben, in die Hand gedrückt hat: Paß gut auf, bis ich zurückkomme.Doch an eine Rückkehr glaubt nicht einmal Abdullah: Wo der Schlüssel war, steckt jetzt ein Beutelchen mit Erde vom Grab der Eltern.

Als die Maschine in Krasnodar landet, stehen wieder Busse bereit.Doch die fahren nicht zum Modelldorf, sondern kippen Abai, Hasan Abdullah und weiter 86 Rücksiedler in einem ehemaligen Kindergarten am Stadtrand von Maikop, der Hauptstadt der Republik Adygeja aus.Ohne Arbeit, ohne Geld und ohne das versprochene Land.Angeblich hat die russische Regierung das Projekt eingestellt.

Just an jenem Tag, als auf Jugoslawien die ersten Bomben fallen, werden im Modelldorf die ersten Häuser fertig.Doch die gehen an die lokale Hautevolee.Die Rückkehrer aber treffen auf der Straße oder dem Markt böse Blicke.Manchmal fliegen sogar ein paar Steine hinter ihnen her.Die nach der Deportation der Tscherkessen hier angesiedelten Russen und Kosaken haben Angst, die Ureinwohner könnten erneut zur Mehrheit werden und sie vertreiben.

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