• Wohin steuert Europa?: Henrik Uterwedde über den heimlichen Traum unserer französischen Nachbarn (Interview)

Politik : Wohin steuert Europa?: Henrik Uterwedde über den heimlichen Traum unserer französischen Nachbarn (Interview)

Herr Uterwedde[Frankreich hat im Gegensatz zu Deu]

Henrik Uterwedde ist Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg - und beobachtet von Berufs wegen den Aufschwung auf der anderen Seite des Rheins.



Herr Uterwedde, Frankreich hat im Gegensatz zu Deutschland die Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft mit Bravour überstanden. Ein Ausdruck gelungener Modernisierung?

Nicht immer stimmen solche Parallelen. Aber diese französische Fußballmannschaft kann für das Frankreich stehen, das ein modernes Staatsbürgerschaft hat und multi-ethnisch zusammengesetzt ist. Zum zweiten symbolisiert diese Mannschaft ein Frankreich, das Erfolg hat. Frankreich steht heute besser da als vor 15 Jahren. Lange Zeit hatten die Franzosen die Neigung, ihre Strukturprobleme zu thematisieren. Bis Mitte der neunziger Jahre war das ein sehr quälender Prozess. Entsprechend schlecht war die Stimmung, und entsprechend defensiv war Frankreich auch gegegenüber Fragen der europäischen Einigung eingestellt.

Der jüngste Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO stellt Frankreich auch ein wesentlich besseres Zeugnis aus als Deutschland. Bei unseren Nachbarn scheint es nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung zu geben, auch die Ausstattung bei der medizinischen Grundversorgung scheint mitzuwachsen.

Schon seit längerer Zeit gilt Frankreich in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge - zum Beispiel in der pränatalen Vorsorge - als vorbildlich. Das zählt auch zu den Errungenschaften der öffentlichen Dienstleistungen in den unterschiedlichsten Bereichen - von der Telecom bis zur Wasserversorgung. Man könnte auch den öffentlichen Nahverkehr nennen - zumindest in Teilen. Die Franzosen sind offener geworden für liberale Formen des Wirtschaftens. Auf der anderen Seite sehen sie aber auch, dass es einer guten öffentlichen Infrastruktur bedarf. Das ist der heimliche Traum der Franzosen: Die guten Seiten des öffentlichen Dienstleistungen zu erhalten, um auf dieser Basis zu neuen Ufern Richtung Globalisierung aufzubrechen.

In Deutschland kämpft auch Bundeskanzler Schröder für den öffentlichen Nahverkehr - und gegen Brüssel.

Der Kampf um den "service publique à la française" und das Festhalten der deutschen Bundesländer an der Daseinsvorsorge sind zwei Facetten desselben Problems: Wie kann man tradierte Strukturen erhalten und manchmal auch dem Wandel entziehen, gleichzeitig aber den Anforderungen des Binnenmarktes genügen? Es ist in beiden Ländern notwendig, Tradiertes zu überprüfen. In Frankreich kommt erschwerend hinzu, dass eine weitere Liberalisierung im Bereich der Elektrizitätsversorgung von jeder französischen Regierung - links wie rechts - als sozialer Sprengsatz betrachtet würde. Frankreich befindet sich schon jetzt im Vorwahlkampf. Premierminister Jospin wird vermeiden, ein solches heißes Eisen gerade jetzt anzufassen.

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