Politik : Wohnung mit Giftküche

Nach dem Fund von Spuren des tödlichen Stoffes Rizin in London hat Scotland Yard eine Großfahndung nach weiteren Terroristen begonnen

Matthias Thibaut[London]

Wer Schnupfen hat, hat fast mit Sicherheit Schnupfen und keine Rizinvergiftung. Diesen Rat konnten sich Briten am Mittwoch telefonisch beim staatlichen Gesundheitsdienst einholen. Aber nur wenige machten sich die Mühe.

In der High Street von Wood Green in Nordlondon hatte die Polizei in einer Wohnung über der „Guardian Pharmacy" am Sonntag Spuren des hochgiftigen Stoffes Rizin sichergestellt. Sieben Männer – Marokkaner und Algerier – wurden seither nach Bestimmungen des Anti-Terror-Gesetzes in Haft genommen und verhört. Geprüft werde auch eine mögliche Verbindung zu der Terrorgruppe Al Qaida, sagte ein Polizeisprecher. Politiker und Sicherheitskräfte in London nehmen die Gefahr tödlich ernst. Scotland Yard spricht vom bedrohlichsten Ereignis seit dem 11. September 2001. Mit einem beispiellosen Einsatz wird die Fahndung nach weiteren mutmaßlichen Rizin-Terroristen fortgesetzt, ebenfalls Nordafrikaner, die als „bedeutender" Teil der Gruppe gelten. Sie sollen vor allem helfen, die brennendste Frage zu lösen: Wo sich der Giftstoff befindet, den die Täter hergestellt haben könnten. Denn am Sonntag wurden zwar Geräte zur Herstellung von Rizin gefunden, aber nur Spuren des Giftes selbst. Die Polizei vermutet, dass der Großteil schon beiseite geschafft wurde.

An Spekulationen über die Pläne der Gruppe herrschte am Mittwoch kein Mangel. Laut Polizisten der Scotland Yard könnten die Attentäter an einer Salbe gearbeitet haben, die mit Rizin versetzt und beispielsweise auf Türklinken geschmiert wird. Auch ein Anschlag in der U-Bahn wurde als mögliches Szenario nicht ausgeschlossen. Offenbar ist auch Premierminister Tony Blair Ziel eines möglichen Anschlags. Nie war ein britischer Premier so stark bewacht wie Blair in den letzten Wochen.

Die Verhafteten reisten erst in den letzten Wochen mit falschen Papieren nach Großbritannien ein – einigen Informationen zufolge aus Paris. Möglicherweise gehören sie zur algerischen GIA oder zu ihrer Nachfolgeorganisation GSPC, der enge Verbindungen zu Al Qaida nachgesagt werden. Die Beweglichkeit der Extremistentruppe und ihre Organisation in isolierte Zellen macht die Fahndung besonders schwierig. So kann man sich nun bei der Londoner Anti-Terror-Polizei und beim Geheimdienst MI 5 eine gewisse Genugtuung über die Erfolge nicht verkneifen. Unklar ist, welche Hinweise zu den Festnahmen führten. Die als „Giftfabrik" benutzte Wohnung wurde von der Behörde für Asylbewerber und Einwanderer gemietet. Sie liegt nahe der „Finsbury-Park-Moschee", die als Zentrum extremistischer Islamisten gilt.

Britische Politiker gerieten unterdessen wegen mangelnder Schutzmaßnahmen und unterfinanzierter Hilfsdienste unter Druck. Allein in London fehlen 15 Millionen Pfund für die Notfalldienste. Viele Briten machen auch kein Hehl aus ihrer Ansicht, dass Blairs Irak-Politik die Gefahr schürt.

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