Politik : Wolfgang Clement im Gespräch: Das süße Gift des Kompromisses

Jürgen Zurheide

Bald zwei Stunden hatten die unterschiedlichen Redner auf die SPD-Delegierten eingewirkt. Die einen hatten ihre Trauer fast herausgeschrieen und sich darüber beklagt, dass man kaum noch miteinander debattieren könne, ohne als "Betonkopf" verunglimpft zu werden, weil man eben nicht alle Reformschritte des Landesvorsitzenden Franz Müntefering nachvollziehen könne. An diesen Stellen klatschte immer gut die eine Hälfte im Saal, vor allem jene, die aus dem Westlichen Westfalen nach Oberhausen in die Arena gekommen waren. "Wir brauchen diese Reform, um nicht unterzugehen", mahnte hingegen Ministerpräsident Wolfgang Clement, "weil die SPD in Nordrhein-Westfalen nicht in Bestform ist". Wieder und wieder wurden die Argumente gewogen. Mit beschwörendem Unterton wurde verlangt, dass man sich im letzten Moment doch noch zusammenrauft.

Detlev Samland spürte genau, dass diese Töne nicht ohne Wirkung auf die 300 Delegierten blieben. Der Vorsitzende des Parteibezirkes Niederrhein und Europaminister im Kabinett von Wolfgang Clement war allerdings wenig erfreut, denn das süße Gift des Kompromisses könnte mittelfristig äußerst lähmende Wirkungen entfalten, war seine tiefe Überzeugung. Auf der einen Seite stand Franz Müntefering, der angetreten war, die bisher mächtigen Bezirke zu Gunsten des Landesverbandes abzuschaffen. Auf der anderen Seite hatten sich seine ehemaligen Mitstreiter aus dem Westlichen Westfalen aufgestellt. Sie gaben zwar vor, ebenfalls den Landesverband stärken zu wollen, aber eben nicht um den Preis der Aufgabe ihres traditionsreichen Bezirkes. "Wir wollen Mitbestimmung und nicht nur Mitreden", hatte Joachim Poß, der Chef der Westlichen Westfalen, auf dem Parteitag noch einmal unter großem Beifall ausgerufen. Auffällig oft hatten die Westlichen Westfalen in den vergangenen Tagen das Wort Kompromiss im Munde geführt und auf dem Parteitag alle Kraft gesammelt, um eine kleine Passage in den Leitantrag des Landesvorsitzenden einzufügen. Die bisherigen Bezirke, so hieß es dort, sollten auch künftig Organisationseinheiten nach Paragraf acht der Parteisatzung bleiben, das sei doch ein kleines Zugeständnis.

An dieser Stelle ging Detlev Samland mit hochrotem Kopf an das Rednerpult und hämmerte seine Sätze hinaus: "Ich warne Euch, da werden die Bezirke durch die Hintertür wieder eingeführt, wir brauchen an dem Punkt jetzt eine klare Entscheidung". Auf der einen Seite gab es Pfiffe für seine klare Ansage, aber den Profis entging nicht, dass eben doch eine Mehrheit applaudierte. Später machte der Landesvorstand ein letztes Kompromissangebot, das allerdings weit von dem entfernt lag, was Poß und Co. eigentlich wollten. "Wir gewähren den künftigen Regionalverbänden ein eigenes Antragsrecht auf Bundesparteitagen, aber sie sind eben keine eigene Organisation", fasste Franz Müntefering wenig später zusammen. Dafür bekam er am Ende eine satte Mehrheit.

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