Politik : Wolfgang Petritsch: Leiter eines Selbsthilfeprojekts

Claudia Lepping

Kann ein Westeuropäer nach 17 Monaten in Sarajevo im Amt ein Buch schreiben unter der Fragestellung "Hat der Frieden eine Chance?". Wolfgang Petritsch kann. Und der Österreicher zeigt, dass er einer der besten Kenner der Lage im früheren Jugoslawien ist. Er analysiert selbst die kleinste Wendung seit Beginn der militärischen Auseinandersetzung 1991 und bietet auf 257 Seiten Dokumentation, Reden, Interviews, Chronik, Karten und Statistik.

Vermutlich ist der 53-Jährige, der zweisprachig aufwuchs und fließend Serbokroatisch spricht, der erste richtige Insider, der die internationale Assistenz beim Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes im Sinne des Friedensvertrages von Dayton steuert: 1995 bis 1997 war er Magistratsdirektor für internationale Beziehungen der Stadt Wien, bevor er im September 1997 österreichischer Botschafter Rest-Jugoslawiens (Serbien und Montenegro) in Belgrad wurde. Die Balkan-Kontaktgruppe engagierte ihn im Oktober 1998 für das Amt des Sonderbeauftragten der Europäischen Union für Kosovo und übertrug ihm die Leitung der Friedensgespräche zwischen Serben und Kosovo-Albanern im französischen Rambouillet. Von dort aus wechselte er nach Sarajevo, wo er als "High Representative" die höchste Instanz für die Umsetzung des Dayton-Vertrages verkörpert.

Poker um Einfluss

Petritsch hat sein Buch den Bosniern gewidmet. Die dortige Wochenzeitung "Dani" verglich seine Aufgabe, das Land nach Europa zu führen mit der des k.u.k.-Statthalters Benjamin Kallay vor 100 Jahren in Sarajevo: "Möge Gott ihm helfen, denn mit den heutigen bosnischen Machthabern wäre wahrscheinlich selbst Kallay in der psychiatrischen Klinik Steinhof in Wien gelandet."

Doch Petritsch hat ein gutes Gegenrezept: Er bestimmt, wer in dem Poker um Einfluss und Macht mitspielt. Und so nimmt der neue "höchste Repräsentant" kein Blatt vor den Mund, die regionalen Führer als Politiker zu bezeichnen, denen es kompromisslos um Machterhaltung und Kontrolle über Regionen und Ämter geht. Neben ihrem "Primat der ethnischen, sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede" (Petritsch) akzeptieren Serben, Kroaten und Bosniaken kaum gesamtstaatliche Institutionen. Einig sind sie sich gerade einmal darin, dass im Zweifel immer der andere Schuld ist, wenn der Friedensprozess ins Stocken gerät. Kraft seines Amtes schickt Petritsch solche Hardliner auch schon mal nach Hause. Dass er zugleich Korruption und Amtsmissbrauch bekämpfen will, entspricht seinem Ehrgeiz.

Kein Übervater

Doch Übervater und Machthaber will und kann er nicht sein. Eher Leiter eines Selbsthilfeprojekts. "Ownership" nennt er daher seine Strategie - die Eigentumsrechte der Bosnier an ihrem Land. Verantwortungsbewusstsein und Selbstverantwortung sollen ihnen übertragen werden, um das Land irgendwann wieder in ihre Hände zurückgeben zu können. Doch noch fehlen drei wichtige Voraussetzungen: Es gibt weder starke Institutionen noch ist der Übergang von der kommunistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft geschafft, und noch immer warten zehntausende Bosnier darauf, in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu können.

So hat Petritsch für die Vertriebenen rechtlich viel versprechende Grundlagen geschaffen: Diejenigen, die unrechtmäßig in fremden Häusern wohnen, müssen binnen 15 Tagen ausziehen, wenn sie auf anderen Wohnraum ausweichen können. Können sie nicht, sind die Behörden verpflichtet, ihnen innerhalb von 90 Tagen alternative Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Wer nicht spurt, bekommt Ärger, wer mitzieht, wird belohnt. Von diesem Erfolgsrezept ist Petritsch im Kleinen wie im Großen überzeugt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben