Wolfgang Schäuble : Mit aller Kraft

Er ist wieder da. Waltet seines Amtes als Finanzminister. Das will er bleiben. Wenn er kann. Diese Woche wird es zeigen. Es ist seine wichtigste. Eine Begegnung mit Wolfgang Schäuble.

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Finanzminister Wolfgang Schäuble
Finanzminister Wolfgang SchäubleFoto: AFP

Diese Augen haben schon viel gesehen. Durch viele hindurchgeschaut. Vieles eingesehen.

Jetzt schauen sie. Und schauen. Und halten dem Blick ruhig stand. Sein Händedruck war schon so – ja, wie war er? Selbstverständlich. Geschäftig. Aber auch stetig. Es stimmt schon, man soll nicht zu viel da hineinlesen. Nur wenn die Hand jetzt gezittert hätte oder wenn sie feucht gewesen wäre, dann hätte das doch sofort zu einem kleinen, unausgesprochenen ärztlichen Bulletin geführt.

Er weiß es, sagen seine Augen, er schaut mit schräg gehaltenem Kopf und lächelt dieses Schäuble-Lächeln, eine Mischung aus genant und mokant. Beim Friseur war er inzwischen auch.

Sein Sprecher hat zu Wochenanfang offiziell verkündet, dass der Finanzminister wieder an seinem Arbeitsplatz sei, seine Amtsgeschäfte wieder aufgenommen habe und tatkräftig ausschaue. Ein kleines amtliches Bulletin.

Ein schönes Wort ist das: tatkräftig. Tat und Kraft. Sein Tisch ist aufgeräumt. Er ist es auch. Pullover überm weißen Hemd. Der Schlips hängt hinter ihm, über dem Jackett, das er später anziehen wird. Er ist da und gleich wieder weg. Hin und Her. In die Fraktionen zu Informationen. Nach Brüssel und wieder zurück. Schon wieder. Auch diese Woche wieder zu Beratungen mit den Kollegen in Europa, bei denen er das vergangene Mal gefehlt hat. Er war in Brüssel angekommen und hatte gedacht, der Infekt, Herrgott, da hole ich mir schnell auf dem Weg zur Konferenz noch eine Spritze vom Doktor, dann geht es. Der Doktor fand das aber nicht und überwies ihn ins sehr schöne Brüsseler Krankenhaus, da ist man dann nicht mehr Herr über sich selbst. So erzählt er es, lächelnd, und der feine Strich im Gesicht, den der Mund bildet, unterstreicht den Eindruck, dass es doch eine Spur ironisch gemeint ist. Und wie er das dann sagt: Unkraut vergeht nicht.

Das ist eine wichtige Woche, für Deutschland sowieso. Schon wieder eine wichtige Woche. Für ihn ist es die wichtigste. Schafft er sie, schafft er es? Ihm muss das niemand sagen, das sagt er selbst. Und zwar in einem Ton, der nicht autoritär klingt, aber so, dass es doch sehr autoritativ daherkommt. Will sagen: Von mir muss niemand etwas verlangen, ich verlange es selbst von mir. Er wird sich selbst Rechenschaft ablegen. Das erinnert an eine Maxime, die zu ihm passt: Niemand soll ihn in seinem Dienen übertreffen.

Wenn man ihm das sagt, dann zieht er die Augenbrauen hoch: Dienen? Wie? – Na ja, einer Sache, und dem Land. – Darauf antwortet er nicht.

Er hat dem Land so viel gegeben. Er ist ein Ausnahmepolitiker. Das hat die Kanzlerin gesagt, Angela Merkel, von der es immer hieß, ihr Verhältnis zu Schäuble sei zwiegespalten, eingezwängt zwischen Bewunderung und Misstrauen. Und dann jetzt diese Worte von ihr, mit Wärme, noch mehr davon, als sie über seine große Rede zur Finanzkrise im Bundestag spricht, die danach auch der Oppositionsführer ganz ausdrücklich anerkennen wollte.

Wenn der Bundestag Respekt zeigt, dann so: Die Abgeordneten hören schweigend zu, die Minister rascheln nicht und lesen keine Papiere. So war es, als Schäuble sprach. Er weiß, dass ihm diese Rede allseits Respekt verschafft hat. Und Zeit. Ihm und der Kanzlerin. Nicht zuletzt in den eigenen Reihen. Die waren schon unruhig geworden. Hatten laut und leise, hinter vorgehaltener Hand, seine Handlungsfähigkeit infrage gestellt. Seine Reaktion sagt viel über ihn aus. Unter anderem auch, dass er den Druck aushalten kann. Er hatte sich für die Rede nur ein paar Notizen auf wenigen Zetteln gemacht.

Wenn er über die Zeit jetzt redet, über diese Woche, dann ist da kein Anflug von Larmoyanz. Mitleid? Will er nicht. Bekommt er so auch nicht. Wer könnte überhaupt mitleiden? Erst diese Wunde an unaussprechlicher Stelle – er hat dafür den Götz von Berlichingen zitiert –, verursacht durch einen Keim nach einer Operation, die nach 17 Jahren einfach nötig war. Verschleiß halt. Dann der Infekt, der ihn flachgelegt hat. Bei einem Rollstuhlfahrer klingt das alles dramatischer. Und das ist es ja auch. Schon gar bei ihm, der Stütze der Regierung, dem Schatzkanzler, dem Vetominister. Der muss da sein. Muss belastbar sein, stabil. So sagt er es, mit diesem Wort, ungerührt. Er sagt es auch sich selbst. Niemand soll ihn …? – Nein, nein, nicht schon wieder diese Sache mit dem Dienen. Es ist doch bloß Dienst am Land.

Und sein Dienst für Angela Merkel. So vieles hat sich verändert in diesen Wochen, grundlegend, die Verhältnisse sind so anders geworden. Auch dieses eine Verhältnis kann sich wieder geändert haben: Es hat ihn gerührt, was Merkel gesagt hat, ihm direkt, aber darüber redet er nicht weiter, und in aller Öffentlichkeit. Als die Rede darauf kommt, schaut Schäuble lieber nach unten, auf seine Hände, die auf der Schreibtischunterlage ruhen. Den Kopf hält er wieder leicht schräg. Diesmal ohne zu lächeln, schon gar nicht mokant.

Ach ja, eine Arthrose im Finger hatte er, deshalb die Schiene, die neulich eine Rolle in der Berichterstattung spielte. Arthrose gibt es in seinem Alter. 67 ist er. Die Schiene ist inzwischen weg.

Er war bei Merkel, gerade erst, zum Gespräch im Kanzleramt. Das muss er nicht sagen, nicht bestätigen, das kann man auch so herausfinden. Es hängt aber keiner an die große Glocke. Natürlich wird es um die Sache gegangen sein, um Finanzaktivitätssteuer, Finanztransaktionssteuer, um die Frage, ob Europa einschließlich der Briten sie wollen, ob die Amerikaner bei ihrem Nein bleiben. Ein vertrauliches Gespräch, nach der vergangenen Woche sicher auch heilsam für beide, weil sie sich so ihrer Wertschätzung versichern, vergewissern konnten.

Handbiken war Wolfgang Schäuble auch schon wieder, war mit dem Rollstuhl sportlich unterwegs. Er muss, besser: er will sein Lungenvolumen aufbauen, die Muskeln an den Armen und der Schulter außerdem, damit der Anzug nicht traurig an ihm herunterhängt. Und essen war er, mit der Familie, Maultaschen. Alles ganz normal.

Wie er sich fühlt? – Wollen Sie meinen Puls messen? – Nein. Darum geht es nicht. – Er versteht schon: Normal gehe es ihm. Gut.

Diese Woche. Die für ihn wichtigste. Er will sie bestehen, natürlich. Die Pflicht ruft. Diese Kür lockt: Zu gern will er doch den Haushalt vorlegen, den großen, wie er von allen verlangt wird. Will zeigen, wie es mit dem Sparen geht und mit dem Investieren, in Bildung und Forschung übrigens, hier will er keine Abstriche vornehmen, das hielte er für einen schweren Fehler. Es geht ihm um die Stärkung der Wirtschaftskräfte, um Potenzial für Beschäftigung. Er ist in seinem Element.

Der Opposition will er es zeigen, der FDP, aber auch den Kochs dieser Republik. Nicht nur eine große Rede halten. Nicht nur mit Reden überzeugen, sondern im Handeln. Gegen den Scheiß, wie er drastisch sagt.

Hier vollend ich’s, sagt er zum Abschluss des Treffens lächelnd – er kennt seinen Wilhelm Tell. Schiller. Aber dieses Zitat kennt er auch, er hat es schon oft gesagt: Da rast der See und will sein Opfer haben. Und am Ende dieser Woche könnte es so sein, wenn sie nicht so gut verlaufen wäre, nicht so, wie er es erwartet. Wie es die Unionsfraktion erwartet. Die Kanzlerin von ihm erwarten darf.

Bis jetzt geht alles gut. Der Besuch in Brüssel. Die Besuche in den Fraktionen. Seine amtlichen Unterrichtungen. Sogar die Telefonate mit der FDP. Und was noch alles kommt, wieder der Bundestag, wieder die Kanzlerin, die Tagung des Internationalen Währungsfonds im Finanzministerium, wo er der Gastgeber ist. Alle schauen auf ihn.

Er will kein Opfer sein – er würde ein Opfer bringen. Er ist sich selbst sein härtester Beobachter. Niemand soll ihn in seinem Dienen übertreffen. Andere sind mit 67 in Rente.

Andere als er.

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