Wolfgang Schäuble : Selbstprüfung eines Ministers

Bundesfinanzminister Schäuble lässt dementieren, dass er Kanzlerin Merkel seinen Rücktritt angeboten habe – doch seine angeschlagene Gesundheit beschäftigt ihn.

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Rücktrittsangebot dementiert: Wolfgang Schäuble.
Rücktrittsangebot dementiert: Wolfgang Schäuble.Foto: dpa

Dass sich Wolfgang Schäuble (CDU) sein Amt als Bundesfinanzminister nicht mehr zutraut und daher mit der Kanzlerin bereits über Rücktritt gesprochen hat – Schäuble selbst ließ diese am Mittwoch durch den „Stern“ verbreiteten Meldungen vom Krankenbett aus dementieren. Nicht zurückgewiesen hat Schäuble jedoch, dass er sich – und das nicht erst seit einer Woche – ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob ihm seine Gesundheit gestattet, die Arbeit an einer der wichtigsten Schaltstellen der Bundesregierung in Zukunft noch zu bewältigen.

Wer den 68-Jährigen, seit beinahe 20 Jahren an den Rollstuhl gebundenen Minister in diesem Herbst aufmerksam beobachtet hat, kam nicht umhin festzustellen, dass Schäuble zunehmend geschwächt aussah und ihm seine nicht heilenden Wunden mehr Probleme machten, als er zugeben würde. Vier Wochen – mindestens – will der Finanzminister seinem Körper nun zur Heilung geben. Er liegt im Krankenhaus – und arbeitet. Danach wird er die entscheidende Frage, nämlich die, ob er sich weitere drei Jahre einen der härtesten Jobs der Bundesregierung aufbürden kann, zu beantworten haben.

Als Angela Merkel vor knapp einem Jahr ihr Kabinett bildete, galt die Personalie des Bundesfinanzministers als eine der spektakulärsten. Keinem anderen als Wolfgang Schäuble traute die Kanzlerin seinerzeit zu, diese national und international hoch komplizierte Aufgabe übernehmen zu können. Die noch immer tobende Finanzkrise, ein Koalitionspartner (die FDP), der auf massive Steuersenkungen drängte und die mit der Schuldenbremse absehbar härter werdenden Verteilungskämpfe um das Geld im Bundeshaushalt: Merkel benötigte an der Spitze des Finanzressorts einen Mann ihres Vertrauens mit großer politischer Durchsetzungsfähigkeit. Schäuble traute Merkel diese Herkulesaufgabe zu. Und auch er glaubte sich fit genug für die enormen Strapazen eines solchen Jobs.

Bereits im Frühjahr, der querschnittsgelähmte Schäuble hatte sich ein Implantat ersetzen lassen und hatte mit schlecht heilenden Wunden zu kämpfen, ließ der Minister erkennen, dass er einen Rückzug aus dem Amt aus gesundheitlichen Gründen keineswegs für ausgeschlossen hält. Er „prüfe“ sich regelmäßig, hatte Schäuble in einem Interview gesagt. Glaubt man dem „Stern“, dann sagte er Vertrauten jetzt: „Wenn ich nach vier Wochen merke, es geht nicht mehr, ziehe ich die Konsequenzen. Davon hält mich niemand ab.“ Schäubles Bruder Thomas wird sogar mit den Worten zitiert, dem Minister sei es oft „sauschlecht“ gegangen: „Das über halbjährige Wundsein hat ihn zermürbt“, sagte der frühere baden-württembergische CDU-Innenminister dem Magazin.

Die Frage nach Schäubles Rückkehr in sein Amt wird spätestens, seit er vergangene Woche erneut ins Krankenhaus fuhr, in der Koalition diskutiert. Hinter vorgehaltener Hand heißt es dazu, die Gefahr, dass Schäuble seine körperlichen Kräfte überschätzen könnte, sei gering. Zu seinem Verständnis von Pflichterfüllung gehöre auch das Erkennen eigener Möglichkeiten. Die Kanzlerin wolle die Entscheidungen über Schäubles Zukunft jedenfalls vollständig ihrem Minister überlassen.

Wie groß die Unsicherheit über die Zukunft des Ministers ist, war am Mittwoch allein aus dem Verhalten von Schäubles Sprecher Michael Offer zu erkennen. Offer hatte in der Bundespressekonferenz zunächst bekräftigt, dass es sich bei der Meldung des „Stern“ um „reine Spekulation“ handele. Der Heilungsprozess des Ministers verlaufe planmäßig. Auch Vize-Regierungssprecher Christoph Stegmans war betont vage geblieben und hatte damit den Verdacht genährt, es sei etwas dran, dass im Gespräch zwischen Merkel und Schäuble die Entscheidung über die politische Zukunft des Ministers auf den Zeitpunkt seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus verlegt worden war. Erst nachdem Offer während der Pressekonferenz eine Nachricht empfangen hatte, ergänzte er sein Statement: „Ich kann (...) aktuell sagen, dass der Minister weder ein Rücktrittsangebot gemacht hat, noch hat es eine Fristsetzung gegeben.“

Wolfgang Schäuble will sich die Entscheidung über seine Zukunft und auch den Zeitpunkt dafür offenbar von niemandem vorschreiben lassen.

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