• Wolfgang Schäuble wollte die Probleme der Partei lösen - jetzt ist er selber eins (Kommentar)

Politik : Wolfgang Schäuble wollte die Probleme der Partei lösen - jetzt ist er selber eins (Kommentar)

Stephan-Andreas Casdorff

Waren das Monate: Die CDU eilte von Sieg zu Sieg, die Granden der Partei strahlten und ließen sich auf Parteitagen feiern. Mittendrin Wolfgang Schäuble, der Stratege. Wegen seiner Fähigkeit, komplex zu denken, hatten ihn die Delegierten immer respektiert. Nun, als erfolgreiche Nummer eins, schien er sogar den Parteimitgliedern, die nichts mehr lieben als zu siegen, ans Herz zu wachsen.

Vorbei. Das war im vorigen Jahrhundert. Der Vorsitzende hat selbst bei seinen wenigen Getreuen an Glaubwürdigkeit verloren, seit er sich zum zweiten Mal öffentlich korrigieren musste. Der Name Karlheinz Schreiber wird zu seinem Menetekel. Mindestens unverständlich, wenn nicht seltsam reagiert Schäuble auf die düsteren Drohungen: verhalten und unsicher. Ausgerechnet Schäuble, der sonst stets überlegt erschien und auf diese Ausstrahlung vertrauen konnte.

Der eine lädt nach, der andere bessert nach - lange geht das nicht mehr gut. Schreiber droht weiter, und in der CDU hat die Suche nach einem, der Schäubles Position übernehmen könnte, nie aufgehört. Sei es auch nur vorübergehend, um die Lücke zu füllen, als Lückenbüßer, sozusagen. Da wäre sogar Bernhard Vogel recht. Schäuble, der die Krise managen soll, löst jetzt selber eine aus: eine Führungskrise.

Er führt nicht, er wirkt wie vorgeführt. Sein für die Fraktion deprimierender Auftritt im Bundestag, seine tristen Erfahrungen in der Partei haben Folgen. Beide Seiten gehen wieder auf Distanz, Schäuble und die CDU. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie sich allein gelassen fühlen. Die Signale sind deutlich, gesagt wird es hinter vorgehaltener Hand: Selbst wenn Schäuble es im Amt des Vorsitzenden bis zum Bundesparteitag im April aushalten sollte - würden 70 Prozent der Delegiertenstimmen als Vertrauensbeweis ausreichen? Ihm selber, der Öffentlichkeit? Was, wenn es noch weniger Prozentpunkte wären, weil in der Zwischenzeit die Autorität weiter geschwunden ist?

Heute schon erfährt Schäuble bei den Begegnungen mit der Basis Kritik, Ablehnung, manchmal sogar Hohn, weil das Krisenmanagement in der Spendenaffäre nicht funktioniert. Es wird mit ihm auch nicht mehr funktionieren. Die Idee, er werde kandidieren und "hundertprozentig" die nächsten zwei Jahre überstehen, ist eine Illusion. Schäuble hat das Heft nicht mehr in der Hand, jetzt nicht mehr.

Diktiert werden die Entwicklungen in der Partei, logisch, von den Entwicklungen in der Affäre; deren Tempo wiederum sind das Maß für die Zeit, in der die CDU reagieren muss. Die Antworten auf die richtigen Fragen zu initiieren, den Übergang zu moderieren - das ist alles eine Frage der Zeit, aber von Tagen und Wochen, nicht Monaten. Denn nicht nur in der politischen Öffentlichkeit, sondern auch in der konservativen Partei hat sich das Zeitmaß geändert: Die Zeit, in der sie sich Behäbigkeit und langsame, in Millimeter zu messende Übergänge leisten konnte, ist vorbei. Das wird Wolfgang Schäuble nicht entgangen sein.

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