Politik : Wolfgang Thierse rechnet mit Abbau der Ost-West-Gegensätze

Martin Gehlen

Milde gestimmt sei er, wenn er über die deutsche Demokratie nachdenke, bekannte Wolfgang Thierse. Sie sei attraktiv und gefestigt. Anfälle eines neuen Nationalismus gebe es nicht, und Deutschland lebe in dem "historischen Glückzustand" äußeren Friedens. Die Grundentscheidungen der Verfassungsväter vor fünf Jahrzehnten - Integration in die westliche Wertegemeinschaft, Gewaltenteilung und Verankerung der Grundwerte im Grundgesetz - seien richtig gewesen, urteilte der Bundestagspräsident auf einer Tagung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) zum Thema "50 Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland - 10 Jahre friedliche Revolution in der DDR". So sei durch das Grundgesetz eine "hohe Sensibilität für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft" gewachsen, die es ständig zu pflegen gelte.

Das gelte besonders im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen. Auch wenn die Schwierigkeiten zwischen beiden Bevölkerungsteilen "offensichtlich erheblich" seien, das vielfach beschworene Klischee von der wachsenden Mauer in den Köpfen halte er für falsch, sagte der SPD-Politiker in der Katholischen Akademie in Berlin. Vielmehr träten jetzt nach Jahren des Zusammenlebens die unterschiedlichen Prägungen und Fremdheiten im Alltag stärker hervor - ein ganz normaler Prozess. So existiere auf ostdeutscher Seite ein höheres Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, kein Wunder angesichts der Umwälzungen, welche die ehemalige DDR-Bevölkerung zu bewältigen habe. Es gebe aber auch ein zäh nachwirkendes autoritäres Erbe, mit überdimensionierten Erwartungen an "die da oben" und einer Haltung, der Staat müsse für seine Bürger sorgen.

Lothar de Maiziere, einziger demokratisch gewählter DDR-Ministerpräsident, ergänzte, die Deutschen hätten nach der Wende die Mühseligkeit sozialer Lernprozesse unterschätzt. Ein ganzes Volk habe umlernen müssen. Dabei seien die Ostdeutschen stets die Lernenden, die Westdeutschen die Lehrenden gewesen. Nicht selten sei die Notwendigkeit, alles neu lernen zu müssen, mit Dummheit gleichgesetzt worden, kritisierte er - als wenn nach dem Kriege die "alliierte Demarkationslinie nach dem Intelligenzquotienten gezogen worden wäre".

Zu dieser Erfahrung westdeutscher Dominanz habe es zwar keine Alternative gegeben, ergänzte Thierse. Doch wie sie faktisch exekutiert worden sei, das habe viele ehemalige DDR-Bürger verletzt. "Die Ossis müssen das System West lernen, bei uns kann alles beim Alten bleiben", diese Haltung der Westdeutschen werde jedoch in Zukunft nicht mehr funktionieren. Denn alle Deutschen merkten jetzt, "dass dramatische innere Reformen notwendig werden". Hier tue sich eine neue Basis auf, bei der anstehenden Arbeit an den kommenden großen Reformwerken auf gleicher Augenhöhe zusammenzukommen. Auch ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer zeigte sich überzeugt, dass die künftigen sozialpolitischen Reformen die Ost-West-Unterschiede auf ein normales Maß zurückführen werden. Deutschland sei immer ein Land großer kultureller Vielfalt gewesen, das relativiere auch die Ost-West-Differenzen. Und für Wolfgang Thierse liegt darin die Chance, "ohne Angst und ohne Benachteiligungsgefühle verschieden sein zu können".

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