• Wolfram König, Chef des Bundesamts für Strahlenschutz: "Ich bin gegen Langzeitzwischenlager"

Wolfram König, Chef des Bundesamts für Strahlenschutz : "Ich bin gegen Langzeitzwischenlager"

Der Chef des Bundesamts für Strahlenschutz spricht mit dem Tagesspiegel über marode Salzbergwerke und die Verantwortung für den deutschen Atommüll.

Umkämpft. Die Polizei hatte 2010 bei mehreren Castor-Transporten viel zu tun. Hier trägt sie Demonstranten von den Schienen.
Umkämpft. Die Polizei hatte 2010 bei mehreren Castor-Transporten viel zu tun. Hier trägt sie Demonstranten von den Schienen.Foto: dpa

Der Streit um die Atomkraft ist wieder voll ausgebrochen, wie die Kämpfe um Castortransporte und das umstrittene Endlager Gorleben zeigen. Warum sollten wir unseren Atommüll nicht einfach exportieren, anstatt weiter über einen Standort in Deutschland zu streiten?

Die einfache Antwort ist: Wir haben diesen Müll verursacht. Deshalb müssen wir uns nach bestem Wissen und Gewissen der Aufgabe stellen, den radioaktiven Abfall so zu lagern, dass künftige Generationen davon möglichst nicht beeinträchtigt werden. Im Übrigen hat bisher kein Land angeboten, derartige Abfälle aus Sicherheitsgründen aufzunehmen. Wenn es solche Angebote gab, wie etwa von Russland, dann standen die ökonomischen Interessen im Vordergrund. Und das ist die denkbar schlechteste Basis für den  Umgang mit derart problematischen Stoffen. Denn sie sind nicht nur eine Gefahr für die Umwelt, sie können auch in den falschen Händen zu Waffen werden. Deshalb tun wir gut daran, uns selbst darum zu kümmern und der Verantwortung nicht auszuweichen.

Sie haben die Verantwortung für zwei Atomendlager übernehmen müssen, die ehemaligen Salzbergwerke Morsleben und Asse, die ganz offensichtlich nicht funktionieren. Wie ist der Stand?

Meine Aufgabe ist es nun, den Gegenbeweis zu erbringen, nämlich einen sicheren Weg für die Stilllegung der Anlagen zu finden. Für die Asse hat das Bundesamt für Strahlenschutz am 1. Januar 2009 die Verantwortung übernommen. In Morsleben befindet sich das frühere DDR-Endlager, das viele Parallelen aufweist zur Asse. Trotz großer Sicherheitsbedenken von Anfang an musste 1998 erst ein Gericht die Einlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen stoppen. Nach der Wende ist übrigens mehr Atommüll eingelagert worden als zu DDR-Zeiten, und der aus Westdeutschland stammende Atommüll kam ausschließlich aus den Kernkraftwerken. Im Gegensatz zur Asse haben wir in Morsleben den Vorteil, dass das Bundesamt für Strahlenschutz unter meiner Verantwortung schon vor Jahren mit der Stabilisierung des Bergwerks begonnen hat. Dadurch haben wir Zeit gewonnen, um ein Planfeststellungsverfahren zur sichereren Schließung des Endlagers sorgfältig durchführen und beenden zu können. Vor einem Jahr lag unser Schließungskonzept im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung aus. Wir sind der Auffassung, dass die notwendigen Sicherheitsnachweise auch unter Verbleib der Abfälle im Bergwerk erbracht werden können. Ich wünsche mir von der Genehmigungsbehörde in Sachsen-Anhalt, dass das Verfahren nun zügig fortgeführt wird und das Land zeitnah den Erörterungstermin ansetzt.

Und was ist mit der Asse?

Da haben wir weitaus höhere Wasserzuflüsse als in Morsleben, und es gibt massive Stabilitätsprobleme, die jahrelang von den seinerzeit Verantwortlichen ignoriert worden sind. Dadurch sind die Bedingungen in der Asse viel schlechter. Wir versuchen jetzt, das Bergwerk zu stabilisieren. Und wir sind dabei, weitere Erkenntnisse über die tatsächlich eingelagerten Abfälle und die Situation im Bergwerk zu gewinnen. Nach heutigem Kenntnisstand können nur durch eine Rückholung der Abfälle die Sicherheitsanforderungen des Atomgesetzes erfüllt werden. Eine Herausforderung, die bislang beispiellos ist. Ob sie zu realisieren sein wird, hängt von der verbleibenden Zeit unter Abwägung der Risiken, des Zustands der Abfälle und der Einlagerungskammern ab. Die aktuell laufende Untersuchungsphase dient dazu, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, unter welchen Bedingungen die Rückholung der Abfälle machbar ist.

Foto: pa/dpa
Foto: pa/dpaFoto: picture alliance / dpa

Gibt es noch irgendetwas, was Sie wundert, wenn es um die Asse geht?

Mir fehlt eine ernsthafte Aufarbeitung des Versagens der Wissenschaft, die das Endlager jahrelang als Forschungsendlager deklariert hat, auch um die Sicherheitsanforderungen des Atomgesetzes zu umgehen. Es ist jedoch nicht das Problem des früheren Betreibers, des Helmholtz-Zentrums, allein. Es stellt sich die Frage, warum letztendlich alle Kontrollsysteme nicht funktioniert haben. Jahrzehntelang hat die gesamte Öffentlichkeit von der Politik über die Verwaltungen bis hin zur Anti-Akw-Bewegung und den Medien das Problem weitgehend ignoriert.

Mit Blick auf die Probleme bei der geplanten Rückholung der Abfälle aus der Asse klingt das Konzept, den Atommüll gleich jederzeit rückholbar zu lagern, doch ziemlich attraktiv. Warum sind Sie dagegen?

Schon bei einer offenen Anlage, wie der Asse, war es nicht möglich, über einen längeren Zeitraum die dafür notwendige Aufmerksamkeit zu schaffen. Asse zeigt, dass wir uns und folgende Generationen mit der Erwartung, sie würden die Probleme schon lösen können, überfordern. Dazu kommt das Proliferationsrisiko. Wir leben in einer Welt, in der es viele Akteure gibt, die kernwaffenfähiges Material in ihre Hände bekommen wollen. Es gibt zudem keine Garantie, dass unser politisches System stabil bleibt. Eine rückholbare Lagerung – ich nenne sie Langzeitzwischenlagerung – ist zudem mit erheblichen Abstrichen bei den Sicherheitsanforderungen verbunden. Was wir aber ermöglichen sollten ist, dass die Abfälle aus einem verschlossenen Endlager wieder bergmännisch herausgeholt werden können. Wenn es einen Erkenntnisgewinn in der Zukunft geben sollte, dass der von uns eingeschlagene Weg nicht mehr verantwortbar erscheint, Atommüll in tiefen geologischen Schichten abgeschlossen zu lagern, dann sollte man den Atommüll bergen können. Dafür müssen die Behälter so beschaffen sein, dass sie mindestens 500 Jahre intakt bleiben. Wäre der Abfall in der Asse bergbar gelagert worden, hätten wir heute übrigens nicht so viele Probleme damit: Wer allerdings fordert, dass Atommüll nicht nur bergmännisch bergbar, sondern auch ständig rückholbar gelagert wird, nimmt ein deutlich niedrigeres Sicherheitsniveau in Kauf.

Was passiert als nächstes in Gorleben?

Die Bundesregierung hat beschlossen, allein in Gorleben weiter zu erkunden. Das hatten die sie tragenden Parteien im Wahlkampf auch so angekündigt. Es ist kein Geheimnis, dass ich schon aus rechtlichen Gesichtspunkten empfohlen habe, dass parallel auch nach alternativen Standorten gesucht werden sollte. Auch damit eine ergebnisoffene Erkundung von Gorleben glaubwürdig bleibt. Der schlimmste Fall wäre doch, wenn Gorleben sich als geologisch geeigneter Standort für ein Endlager herausstellt, dann aber in zum Beispiel 20 Jahren ein Verwaltungsgericht aufgrund einer fehlenden Alternativenprüfung die Genehmigung einkassiert. Meine Aufgabe ist es nun, das Projekt so voranzubringen, dass möglichst viel von den Erfahrungen der anderen Endlagerprojekte in die Arbeiten einfließt. Hierzu gehört auch die von Bundesumweltminister Norbert Röttgen angekündigte offene und transparente Vorgehensweise. Ob das Angebot der Politik ausreicht, um die Menschen in der Region zu erreichen, ist offen.

Das Interview führte Dagmar Dehmer.

Wolfram König (51) ist seit 1999 Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz. Zuvor war er von 1994 bis 1998 für die Grünen Staatssekretär im Umweltministerium Sachsen-Anhalt.

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