Politik : Wütend in die zweite Runde

Nach seinem Gefühlsausbruch rechnen die Demokraten für New Hampshire nicht mehr mit Howard Dean

Malte Lehming[Washington]

Dieser Schrei! Hoch und runter läuft er auf allen TV-Sendern. Mit süffisanten Bemerkungen versehen kursiert er im Internet. Die Konservativen feixen. Dieser Wutschrei sei sein Todesschrei gewesen, sagen sie. Gemeint ist Howard Dean, der Ex-Gouverneur von Vermont. Der hatte bis vor kurzem beste Chancen, zum Präsidentschaftskandidaten nominiert zu werden. Doch dann schmierte er am vergangenen Montag bei den ersten Vorwahlen in Iowa kräftig ab. Und peinlicher noch: Seine anschließende Rede, in der er so tat, als habe er gewonnen, endete in einem langen, trotzigen Schrei – vor Dutzenden von Kameras und Hunderten von Mikrofonen.

Seitdem bemüht sich Dean um Schadensbegrenzung. Am Donnerstagabend fand die letzte große Debatte der sieben Aspiranten in Manchester, New Hampshire, statt. Als Dean an die Reihe kam, sagte der Moderator, er könne ihm eine Frage stellen, aber er wolle ihm lieber die Gelegenheit geben, sich zu seinem Schrei zu äußern. Daraufhin murmelte Dean etwas vom „Eifer des Gefechts“. Am selben Abend übertrug die Fernsehanstalt ABC ein Interview mit dem Arzt. Die Sendung „Primetime“ schalten im Durchschnitt 8,6 Millionen Amerikaner ein. Zum ersten Mal überhaupt saß Deans Frau, Judith Steinberg, bei einem solchen Interview an seiner Seite. Sie könne sich nicht erinnern, sagte sie, wann ihr Mann zum letzten Mal die Fassung verloren habe. Der Höhepunkt der Imagereparatur-Offensive war, wiederum am selben Abend, ein Auftritt Deans in der „Late Show“ bei David Letterman. Dort musste er eine Top-Ten-Liste vorlesen, die recht böse gemeint war, wie er das Ruder noch einmal herumreißen könne. Nummer Eins: „Oh, ich weiß nicht, vielleicht ein paar weniger verrückte, rotgesichtige Wutausbrüche.“

Iowa hat die Vorwahlen auf den Kopf gestellt. Keine Prognose stimmt noch. Die neuesten Umfragen sind sensationell. Laut „Boston Herald“ und „Boston Globe“, die die Stimmung in New Hampshire unabhängig voneinander erkundet haben, liegt plötzlich John Kerry, der Überraschungssieger von Iowa, weit vor Dean. Die Zahlen: Kerry 31 Prozent, Dean 21, Ex-General Wesley Clark 16, John Edwards 11, Joe Lieberman vier. Clark und Lieberman hatten Iowa ausgelassen. Für sie ist New Hampshire die erste Station.

Alle Augen sind nun auf Kerry gerichtet. Dem Senator aus Massachusetts gehört das berühmte „Momentum“, die Schwungkraft der ersten Vorwahl. In der Debatte versuchte er den erhöhten Erwartungen gerecht zu werden. Zwar glänzte er nicht oder stach heraus, aber ein „frontrunner“ gewinnt auf solchen Podien schon dann, wenn er keine Fehler macht und kein anderer ihm die Schau stiehlt. Und so war es. Clark verstrickte sich in der Erklärung für seine ehemalige Vorliebe für republikanische Präsidenten. Lieberman wird hier, im Nordosten der USA, sein unbedingtes Ja zum Irakkrieg verübelt. Edwards gewinnt zwar weiter an Statur, doch sein Stündlein schlägt erst am 3. Februar, wenn die ersten Südstaatler an die Urnen gehen. Seit John F. Kennedy ist kein Demokrat aus dem Norden US-Präsident geworden. Edwards stammt aus dem Süden, er ist Senator in North Carolina. Auch Clark ist Südstaatler. Er wurde zwar in Chicago, Illinois, geboren, lebte aber überwiegend in Arkansas, dem Heimatstaat Bill Clintons. Wenn Kerry eine Schwäche hat, dann ist es seine Herkunft. Erstens Patrizierfamilie, zweitens Massachusetts: Gegen die Zweifel, die daran geknüpft sind, muss er sich behaupten – vielleicht noch nicht in New Hampshire, wohl aber am 3. Februar, dem Mini-Super-Tuesday.

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