Politik : Wunder gibt es immer wieder

DEUTSCHLAND IM HERBST

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Von Peter von Becker

Seit zwei Wochen blüht uns im Kino „Das Wunder von Bern“. Sofort nach dem Start ist Sönke Wortmanns melodramatische Komödie von späten Kriegsheimkehrern, früher Fußballbegeisterung und gesellschaftlichem Aufbruch zu Deutschlands neuem Kultfilm geworden: Goodbye Lenin, hallo Rahn! Ein Millionenrenner. Dabei dient der Weltmeisterschaftssieg 1954 dem Film 2003 als schöner Gründungsmythos: Nach dem 3:2 im Finale von Bern begann auch der wirtschaftliche Wiederaufstieg der alten, jungen Bundesrepublik.

Ein tieferer Grund dieses Fußball-Filmerfolgs bei beiden Geschlechtern und allen Generationen ist wohl seine spielerische Antwort auf eine aktuelle Sehnsucht. Wer das Kino verlässt, hofft jetzt: auf das Wunder von Berlin. Und hier ergibt sich eine merkwürdige Koinzidenz.

Seit zwei Wochen hat sich etwas in diesem Land verändert. Im Kopf haben wir es ja schon lange gewusst: Reformen in den Sozialsystemen tun Not. Tun weh. Tun irgendwann – hoffentlich – gut. Aber der Kopf hatte es nicht so richtig dem Bauch gemeldet. Oder dem Herzen, dem existenzbestimmenden Gefühl. Plötzlich aber dämmert es: Diese reformbedürftigen „Sozialsysteme“ sind auch ein Ausdruck und Abbild der Gesellschaft. Und die Gesellschaft, das sind wir selbst. Wer sonst.

Reformen müssen in einem von Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Stagnation und leeren öffentlichen Kassen gebeutelten Land wohl sein. Doch sollen sie als Einschnitte nie die eigene Klientel und immer nur den anderen treffen. In dieser Schizophrenie und dem Wunsch, dass sich alles ändern möge, damit es so bleibt, hatten die Deutschen sich eingerichtet, hatten die SPD und den Kanzler für Chaos und Kakophonie der steuerlosen Steuerpolitik bei mehreren Landtagswahlen abgewatscht – und sich ansonsten nur dem ohnmächtigem Verdruss ergeben. Oder sie fechten auf Gewerkschaftstagen oder bei den nicht alle überwältigenden Protesten gegen „Sozialabbau“ dieses Wochenendes noch einmal die Nachhutgefechte einer durch objektive Zwänge längst verlorenen Schlacht.

Seit aber Gerhard Schröder in Anzug und Asche vor zwei Wochen die jüngsten Rentenbeschlüsse verkündet hat, ist ein weder rational noch mit dem Gefühl ganz erklärbares (und zu verdrängendes) Empfinden da: Wir erleben nach 1945 und 1989 noch einmal eine Zäsur. An Einbrüche auf dem Arbeitsmarkt, an Kürzungen von Urlaubs- oder Weihnachtsgeldern, an Zuzahlungen beim Arzt oder in der Apotheke hat sich die große Mehrheit schon fast gewöhnt. Doch wenn in einem Land nach verlorenen Kriegen, nach wiedergewonnenem Wohlstand und wiedergewonnener Einheit die Renten sinken und gar bedroht sind, dann rührt das tiefer als alle Steuer- und Tagespolitik ans kollektive Bewusstsein. Die gesetzliche Altersversicherung seit Bismarck und der Generationenvertrag sind auch Deutschlands Gesellschaftsvertrag.

So ist die Krise kein fiskalisches oder demografisches, kein arbeits- oder versicherungsrechtliches Abstraktum mehr. Sie wird, jenseits der lebensüblichen Mischung aus Zukunftsängsten und Zukunftshoffnungen, als grundlegende Existenzunsicherheit erfahren. Das nachkriegsdeutsche Wirtschaftswunder, das müssen wir nun alle begreifen, ist nach fünfzig Jahren zu Ende gegangen.

Dennoch: Wunder gibt es immer wieder, das weiß der Schlager, das hofft der Volksmund. Er hofft auch, dass es uns mit allen aktuellen Pleiten so gehen möge wie anno 1954 der Herberger-Elf, die in der WM-Vorrunde dem späteren Endspielgegner Ungarn noch 3:8 unterlag. Vielleicht folgt ja auch diesmal wieder die glückhafte Wendung des Tüchtigen. Freilich erwarten die Deutschen nun neue Hoffnung durch politisches Handeln. Wer jetzt im Bund oder in den Ländern nur weiter auf Halten setzt, verspielt die eigene Zukunft.

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