Politik : Wunsch und Wirklichkeit

Nach der Andenkrise wächst die Hoffnung für die Farc-Geiseln – zu Recht?

Michael Schmidt

Berlin - An den Ausgang der schweren Krise zwischen Kolumbien und seinen Nachbarn, die nach einer Woche so plötzlich zu Ende gegangen ist wie sie begonnen hatte, knüpfen sich die unterschiedlichsten Hoffnungen. Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe fühlt sich durch die Tötung des Guerilla-Vizes Raúl Reyes in dem Ziel bestärkt, die Farc-Rebellen militärisch zu besiegen. Sein venezolanischer Amtskollege Hugo Chávez, setzt auf eine zweite Chance, sich durch Vermittlung in der kolumbianischen Geiselkrise als Friedensengel auf dem Südkontinent präsentieren zu können. Und die Familien der Farc-Geiseln möchten gerne glauben, dass sie mit Chávez’ Hilfe auf die Freilassung ihrer Angehörigen hoffen dürfen. Dabei ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass der Wunsch die Wirklichkeit überlagert und sich alle Beteiligten etwas vormachen.

Für Uribe ist die Farc, die älteste und größte Guerillagruppe Lateinamerikas, eine Bande, die von Drogenhandel und Entführungen lebt – und zweifellos ist der Tod des Farc-Kommandanten Reyes bei einem Bombenangriff auf ecuadorianischem Gebiet einer der schwersten Schläge, den die marxistische Guerilla seit ihrer Gründung 1964 erhalten hat. Ein ähnlich schwerer Schlag, wie der Tod des Farc-Führungsmitglieds Iván Ríos, der von seinen eigenen Leuten umgebracht worden sein soll. Der Täter, sein Leibwächter, soll sich nach Medienberichten vom Wochenende anschließend den Behörden gestellt und zum Beweis für die Tötung von Ríos dessen abgeschnittene rechte Hand vorgelegt haben, um das auf den Kommandanten ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. Dennoch sei die Guerilla mit ihren Truppen in unwegsamen Bergregionen und dichten Dschungelwäldern militärisch nicht zu besiegen, sagt Lateinamerika-Expertin Sabine Kurtenbach. Hinzu komme: „Die Farc gibt es seit mehr als 40 Jahren – und Jahr für Jahr rekrutieren sie erfolgreich junge Kämpfer“, sagt die Mitarbeiterin des Giga-Instituts für Lateinamerika-Kunde in Hamburg. „Das spricht dafür, dass die Strukturen und Probleme, die Anlass für die Farc-Gründung waren, weiterbestehen.“ Uribe versäume es mit seiner Priorität des Militärischen, die sozialen Ursachen erfolgreich zu bekämpfen.

Hinzu kommt, dass sich der Erfolg der kolumbianischen Streitkräfte als Tragödie für die Geiseln in der Gewalt der Rebellen, darunter die schwerkranke frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, erweisen könnte. Der 59-jährige Reyes war der einzige Kontakt, den die drei befreundeten Staaten Frankreich, Spanien und die Schweiz innerhalb der Farc hatten, um die Freilassung Betancourts und anderer Geiseln zu erreichen. Jetzt herrsche Funkstille, schreibt die Zeitung „El Tiempo“. Selbst wenn Warnungen vor Racheakten der Rebellen an ihren Geiseln übertrieben erscheinen mögen, ist doch klar, dass der Tod der Nummer zwei in der Hierarchie der Rebellen die Bemühungen um einen Austausch von etwa noch 40 Militärs, Polizisten und Politikern in der Gewalt der Farc gegen etwa 500 inhaftierte Mitstreiter nicht gerade erleichtert.

Selbst wenn, wofür nach den vorangegangenen Scharmützeln nicht viel zu sprechen scheint, Uribe der Bitte von Chávez nachkommen sollte, ihn nochmals als Vermittler in der Geiselkrise zu akzeptieren, halten sich nach Kurtenbachs Einschätzung die Chancen auf eine Freilassung Betancourts in engen Grenzen. Gerade das große, auch internationale Engagement mache ihre Freilassung immer unwahrscheinlicher, denn: „Je mehr Aufmerksamkeit ihr Fall genießt, desto wertvoller wird sie als Faustpfand für Farc.“

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