Politik : Wurde Osthoff vom Fahrer verraten?

Erwin Decker[Sulemaniya],Frank Jansen

Die Ende November im Irak entführte Susanne Osthoff ist möglicherweise von ihrem Fahrer verraten worden. Entsprechende Informationen des Hauptstadtstudios der ARD bezeichneten Sicherheitskreise gegenüber dem Tagesspiegel als plausibel. Als ein Indiz wird die Zugehörigkeit der Geiselnehmer und des Fahrers Khaled al Schimani zum selben irakischen Stamm, den sunnitischen Dulaim, genannt. Zahlreiche Dulaimis zählten zum militanten Widerstand gegen die US- Truppen im Irak.

Hauptsiedlungsgebiet des Stammes sei das sunnitische Dreieck. Viele Stammesangehörige lebten in den Städten Falludscha und Ramadi, die als Hochburgen des militanten Widerstands gelten. Ein Experte sagte, Schimani sei als Chauffeur für einen Scheich der Dulaim tätig gewesen. Wo sich Schimani derzeit aufhalte, sei unklar. „Die Sache stinkt“, so der Fachmann. Unklar bleibt, ob der mit den Dulaim verfeindete Stamm der Schammar Druck auf die Entführer oder ihre Hintermänner ausgeübt hat. Osthoffs Ex-Mann ist ein Schammari. Der Stamm sieht Osthoffs Tochter als eine seiner Angehörigen.

Die Archäologin hat inzwischen den Irak verlassen. Sie wolle fernab der Öffentlichkeit einige Tage mit ihrer Tochter verbringen, hieß es im Auswärtigen Amt in Berlin. Wohin die 43-Jährige reiste, blieb offen. Unterdessen appellierte die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) an die Bundesregierung, die Deutschen, die in den kurdischen Provinzen leben, von der Ausreiseaufforderung für den Irak auszunehmen. Das Sicherheitsrisiko in diesem Gebiet sei gering, so die GfbV.

Auch kurdische Politiker betonen bei jeder Gelegenheit, dass ihre Provinzen sicher und wohlhabend seien. Doch es stimmt nur Letzteres. Im Gegensatz zum übrigen Irak wird in Kurdistan gebaut und investiert. An manchen Tagen geht auf den Baustellen sogar der Zement aus. Hauptauftraggeber ist die kurdische Regionalregierung, die 20 Prozent der irakischen Öleinnahmen zur freien Verfügung bekommt. Doch von Sicherheit kann keine Rede sein. So ist die Ölstadt Kirkuk ein extrem unsicheres Pflaster. Täglich gibt es Schießereien, kaum eine Woche vergeht ohne Anschläge. Die Ölproduktion liegt bei nur zehn Prozent, weil die Pipelines regelmäßig gesprengt werden.

In Erbil, wo jeden Montag eine Linienmaschine aus Frankfurt mit kurdischen Asylbewerbern landet und die kurdische Regionalregierung sitzt, gab es in den letzten Wochen Anschläge und Schießereien mit Dutzenden Toten. Da die Straße von Erbil nach Sulemaniya über Kirkuk als sehr unsicher gilt, nehmen nun viele Kurden und alle Ausländer die doppelt so lange Strecke durch die Berge. Selbst in Sulemaniya, das sich sicherste Stadt im Irak nennt, explodierten kürzlich zeitgleich drei Autobomben. Im kurdischen Halabja geriet vorige Woche das Haus einer christlichen Hilfsorganisation unter Beschuss. Die ausländischen Mitarbeiter verließen das Land. Auch Siemens hält sich inzwischen zurück. Als der Konzern einen Millionenauftrag für den Umbau eines Wasserkraftwerks erhalten konnte, winkte die Sicherheitsabteilung ab: zu riskant.

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