"Wutbürger" und "besorgte Bürger" : Wovor habt ihr eigentlich Angst?

Sie nennen sich "besorgte Bürger", demonstrieren, wählen Protestparteien und berufen sich auf den "gesunden Menschenverstand". Aber ihre eigene Wirklichkeit hält der Realität oft nicht stand. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

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Wirklich vor dem Untergang? Eine Pegida-Demonstration Anfang April in Dresden.
Wirklich vor dem Untergang? Eine Pegida-Demonstration Anfang April in Dresden.Foto: Arno Burgi/dpa

Zu gerne wüsste man, was die alte Dame, die im Herbst vergangenen Jahres auf einer Pegida-Demonstration in Dresden von einem Fernsehteam nach ihren Ängsten gefragt wurde, heute sagen würde. Damals hatte sie nach eigener Aussage "Angst davor, dass die vielen Flüchtlinge meine Rente gefährden". Heute könnte die Rentnerin etwas schlauer sein – wenn sie denn wollte. Die Bundesregierung hat gerade beschlossen, die Renten im Westen um 4,25 Prozent, im Osten um 5,95 Prozent zu erhöhen. Nicht auszuschließen ist, dass das an der Argumentationskette der Rentnerin völlig vorbeigeht. Und ganz sicher ist, dass diese Ignoranz der Wirklichkeit kein Einzelfall ist.

Die "besorgten Bürger", die "Wutbürger", alle, die gegen "die da oben" stänkern, sind auf dem Baum. Und es fällt zunehmend schwer, sie da wieder runterzuholen. Sie demonstrieren, schreien ihre Wut heraus, pöbeln im Internet und wählen Protestparteien. Sie fühlen sich im Recht, diffamieren Zeitungen und Fernsehen als "Lügenpresse", die etablierten Parteien als durch und durch korrupte Selbstbereicherungsvereine. Einige der lauten Protestler und/oder stillen Gesinnungsgenossen halten auch Gewalt gegen Andersdenkende, Flüchtlinge und Vertreter des Staates für ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung. Geht es doch vermeintlich um hohe Güter. Um den Erhalt der eigenen Glückseligkeit, der Nestwärme, der Heimat, gar des christlichen Abendlandes. Kein Superlativ ist zu groß für die angebliche Bedrohung, kein Argument zu schräg, um es nicht auf irgendein Plakat zu schreiben. In einer Welt, in der die nächste Verschwörungstheorie und der nächste Freund im Geiste nur einen Klick im Internet entfernt sind, fühlt man sich auch nicht mehr so allein, so zweifelnd, so machtlos. Auf die Straßen! Macht alle mit! Gegen die da oben! Gegen alles Fremde, Neue, Unbekannte!

Ist alles so schlimm, so heruntergewirtschaftet, so korrupt?

Aber gegen was genau? Wovor haben die eigentlich Angst? Ist alles so schlimm, so heruntergewirtschaftet, so korrupt, so kriminell, so ungerecht, so kaputt in diesem Land, dass der Furor auf den Straßen und in den Wahlkabinen am Ende doch berechtigt ist? Und wenn das so sein sollte: Wer ist daran schuld? Die Politik? Die Medien? Die Flüchtlinge? Alle zusammen?

Deutschland im Jahr 2016: Das Land strotzt vor wirtschaftlicher Vitalität. Waren im Januar 2015 rund 30,2 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, sind es ein Jahr später mehr als 31 Millionen. Sie haben damit aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt finanziert, über die Sozialversicherungen die solidarische Gesellschaft möglich gemacht und den Staat mit ihren Steuern in die Lage versetzt, seinen Aufgaben nachzukommen. Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung. Das spüren die Jobsuchenden, die Rentner – und nicht zuletzt die Finanzminister und Stadtkämmerer an den stark steigenden Steuereinnahmen. Der Bund kommt derzeit ohne neue Schulden aus und erhöht somit die finanziellen Spielräume nachfolgender Generationen. Noch 2009 machte der Bundesfinanzminister mehr als 44 Milliarden Euro neue Schulden. Jetzt sinkt die Zinslast, dagegen steigen Renten, Löhne, Gehälter und Kaufkraft.

Aber nicht nur im lebensfernen Zahlenwirrwarr der öffentlichen Haushalte zeigen sich positive Effekte. Ganz unten, im Maschinenraum dieser Gesellschaft, gibt es Lichtblicke. Die Durchsetzung des Mindestlohns zum 1. Januar 2015 hat nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts dazu geführt, dass vier Millionen Menschen in Deutschland besser bezahlt werden. In der Summe bekommen sie 431 Millionen Euro brutto mehr von ihren Arbeitgebern – pro Monat. Die jüngste Reform der Pflegeversicherung hat den Kreis der Leistungsempfänger um 500 000 Personen vergrößert. In einem der besten Gesundheitssysteme der Welt müssen sich vielleicht die besserverdienenden privat Versicherten Sorgen um ihre Beiträge im Alter machen, die gesetzlich Versicherten bekommen wie alle anderen eine Versorgung, die weltweit spitze ist. Wer seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft nicht bestreiten kann, der erhält Hilfe vom Staat. Wer kostenfreie Universitäten und Schulen sucht, der wird in Deutschland fündig. Staatlich unterstützte Hochkultur, traumhaft schöne Kulturlandschaften, funktionierende Verkehrssysteme, perfekt arbeitende Verwaltungen, ehrenamtliches Engagement ohne Ende, innovative, weltweit erfolgreiche Unternehmen, begeisterte Arbeitnehmer, gesellschaftliche Aufstiegschancen, Chancengleichheit, Lebensfreude, Gastfreundschaft, Selbstbestimmung, Liberalität und Solidarität – für all das steht Deutschland.

1972, 1974, 1980 und 1988 kamen in Westeuropa jeweils mehr als 400 Menschen bei Terroranschlägen ums Leben (Quelle: Global Terrorism Database). In den Jahren dazwischen waren es ebenfalls deutlich mehr als in den 1990er und 2000er Jahren – fast unvorstellbar, wenn man sich die aktuelle öffentliche Debatte um den islamistischen Terror anschaut.

Hallo, ihr da draußen in Dresden und Freital

Natürlich gibt es bei so viel Licht auch jede Menge Schatten. Mehr als 1,6 Millionen Kinder leben in Hartz-IV-Haushalten, Altersarmut ist keine abstrakte Gefahr, die öffentliche Infrastruktur ist vielerorts kaputtgespart worden, Reiche haben es auch hierzulande einfacher als Arme – in allen Bereichen. Es gibt soziale Schieflagen, die eine Schande für ein derart reiches Land sind. Es gibt mancherorts keine funktionierenden Verwaltungen, und wenn sie funktionieren, produzieren sie zu viel Bürokratie. Einige Städte versinken im Verkehrschaos, andere haben nachhaltige Probleme mit dem Wohnungsmarkt, manche haben beides. Und natürlich: 2015 starben 150 Menschen durch Terrorangriffe im Westen Europas. 150 zu viel.

Die vorangestellten Entwicklungen und Zahlen sind offenbar geeignet, das Glas fast voll oder so gut wie leer zu sehen. Für einige geht halb voll gar nicht, halb leer ist immer noch zu viel. Die Hetzer bei AfD und Pegida brauchen die Extreme. Angesichts der Zuwanderung tausender Flüchtlinge droht mindestens der Untergang des Abendlandes, die rassische Vermischung, wenn nicht gar Ausrottung des deutschen Volkes. Der einfache, hart arbeitende Deutsche verliert seinen Job, sein soziales Umfeld, seine Heimat. Das Elend kennt kein Ende.

Das ist – und das wissen auch die Petrys, Bachmanns, Höckes, Festerlings und Gaulands dieser Welt – schlicht falsch. Die Deutschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg mit tatkräftiger und finanzieller Hilfe aus dem Ausland und später einem Heer von sogenannten Gastarbeitern eine der erfolgreichsten Wirtschaftsnationen der Welt auf den Trümmern des "Dritten Reichs" aufgebaut. Die Deutschen haben nach der Wende von 1989 einen Billionen-Euro-Transfer von West nach Ost gestartet und nach dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre ein zweites Wunder geschafft. Die Deutschen haben sich mit zu den beliebtesten Touristen in der Welt gemausert. Die Deutschen haben die Welt 2006 bei der Fußball-WM an ihrer eigenen Leichtigkeit teilhaben lassen und hatten Spaß daran. Die Deutschen gehen mit einer Selbstverständlichkeit Probleme an, um die uns größere Teile der Welt beneiden. Die Deutschen sind ein glückliches Volk.

Hallo, ihr da draußen in Dresden und Freital, ihr da in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, die ihr die AfD gerade in die Landesparlamente geschickt habt. Hallo, ihr Bedenkenträger, Grenzen-dicht-Macher, Nationalisten und Egoisten. Hallo, ihr Menschenverächter, Rassisten, Flüchtlingsheimabbrenner, ihr gewalttätigen Dumpfbacken und hirnlosen Ausländerhasser. Wo ist euer Selbstbewusstsein? Oder wenn ihr das besser versteht: Wo ist euer Stolz, ein Deutscher zu sein? Verkennt ihr eure eigene Geschichte, euer eigenes Land so sehr, dass ihr glaubt, Frauke Petry und Lutz Bachmann würden auch nur irgendetwas in diesem Land zum Besseren bewegen? Traut ihr euch wirklich nicht selbst etwas mehr zu, um die unbestritten vorhandenen Probleme in diesem Land zu lösen? Glaubt ihr wirklich, dass ein paar hunderttausend Flüchtlinge dieses Land in seiner Existenz bedrohen?

Angst ist der falsche Ratgeber

Es ist doch nicht euer Ernst, dass wir nach knapp 70 Jahren Bundesrepublik Deutschland, nach Wirtschaftswunder, nach der Aussöhnung mit Israel, Frankreich, Polen und den anderen Völkern der Welt, nach Deutscher Einheit, nach 70 Jahren Frieden, nach europäischer Integration und nach der Übernahme von mehr Verantwortung in der kleiner gewordenen Welt den Mut verlieren, etwas Neues, etwas Großartiges zu leisten. Das Leben ist ein Abenteuer. Freuen wir uns, dass Menschen aus aller Welt zu uns kommen, um gemeinsam mit uns an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn das ist das, was uns alle verbindet. Angst ist der falsche Ratgeber. Nachdenken, Hintern hoch, mitmachen. Und: gelassen bleiben.

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