Politik : YouTube fragt, Politiker antworten

Barack Obama lief in die offene Falle. Ein YouTube-Fragesteller hatte per Video ganz unverblümt wissen wollen, ob die demokratischen Präsidentschaftskandidaten denn bereit wären, in ihrem ersten Amtsjahr als US-Präsident direkt mit folgenden Personen zu sprechen: Castro, Chavez, Ahmadinedschad, Assad und Kim Jong Il. Ohne lange zu zögern und etwas zu beflissen sagte Obama „Ja“ und pries dabei die Vorzüge direkter Diplomatie. Obamas Nachbarin auf dem Podium, Hillary Clinton, durfte sich über solcherlei Naivität freuen. Als sie an der Reihe war und eine gut überlegte Antwort gab, sah sie ziemlich souverän aus. Direkte Kommunikation sei gut, sagte Hillary, aber man dürfe sich auch nicht zu Propagandazwecken missbrauchen lassen. Für einen kurzen Moment lagen Welten zwischen den beiden demokratischen Spitzenpolitikern. Eine solche Debattensituation wäre wohl nicht möglich gewesen, hätte man eine Diskussion im herkömmlichen Format geführt. Denn die Fragen von Journalisten sind oft abgeschliffener, weniger frech. Doch bei dieser ersten TV-Debatte, bei der die Menschen ihre Fragen über selbst aufgenommene Videos bei YouTube loswerden konnten, wurde direkt und ohne Umschweife gefragt. So hatte Volkes Stimme das Wort am Montag beim ersten Schlagabtausch der acht demokratischen Präsidentschaftskandidaten in Charleston, North Carolina. In der zweistündigen Sendung auf CNN wurden einige der YouTube-Beiträge gesendet, die Kandidaten antworteten. Es ist eine völlig neue Form. Mit YouTube wird eine neue junge gesellschaftliche Gruppe am Meinungsbildungsprozess beteiligt. Ein animierter Schneemann forderte Antworten auf das drängende Problem des Klimawandels. Ein Mann unterstrich sein geringes Interesse an härteren Gesetzen zur Waffenkontrolle mit einem Schnellfeuergewehr, was Senator Joe Biden schlagfertig mit „Der braucht Hilfe“ beantwortete.

Es war in der Tat keine der üblichen Veranstaltungen, die die amerikanischen Wähler mobilisieren wollen. Denn wer sonst als ein freches Mitglied der YouTube-Generation würde es wagen, einen Kandidaten wie John Edwards, der den Kampf gegen die Armut predigt, sich selbst aber einen 400 Dollar teueren Haarschnitt leistet, zu fragen, ob er vier Jahre lang für ein Mindestgehalt von 5,85 Dollar in der Stunde im Weißen Haus schuften würde – statt der 400 000 Dollar Präsidentengehalt? „Sicher“, sagte Clinton, und Obama pflichtete ihr bei. Für Heiterkeit sorgten Videofilme der Kandidaten. Edwards machte sich in einem mit Musik aus dem Musical „Hair“ unterlegten Video über sich und seine teueren Haarschnitte lustig. Hillary Clintons Video endete mit dem Satz: „Manchmal ist der beste Mann für einen Job eine Frau.“

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