Youtube-Interview "#DeineWahl" : Martin Schulz verrät seine zweitgrößte Dummheit

Beim Youtube-Interview setzt Kanzlerkandidat Schulz auf persönliche Nähe – und setzt damit einen Kontrapunkt zur Kanzlerin. Ein Wagnis, das offenbar aufging.

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Sich selbst ins Bild gesetzt. Martin Schulz beim Youtube-Interview mit Marcel Althaus und Nihan Sen.
Sich selbst ins Bild gesetzt. Martin Schulz beim Youtube-Interview mit Marcel Althaus und Nihan Sen.Foto: AFP PHOTO / TOBIAS SCHWARZ

Martin Schulz wollte unbedingt menscheln. Die Nachricht sollte lauten: Der Martin, das ist einer von uns. Deshalb duzt er Nihan Sen gleich in seiner ersten Antwort. Wie er die Deutschtürken besser integrieren wolle, die sich weder hier noch dort richtig zu Hause fühlen, will Sen wissen. Mehr Geld für Integration und Sprachkurse. Neu ist das nicht. So wie überhaupt das Allermeiste von dem, was Schulz sagt, schon oft von ihm gesagt wurde und außerdem im Wahlprogramm der SPD leicht nachzulesen ist. Schulz erzählt lieber von einem „ganz engen Schulfreund“, dem es früher genauso ergangen sei, wie den Menschen, die Sen beschreibt. „Da habe ich richtig mitgelitten.“

In diesem Format geht es nicht ums Was, sondern um das Wie. Am Dienstag lief die zweite Runde des Videoformats „#DeineWahl“, bei dem vier Youtuber den Kanzlerkandidaten der SPD nacheinander befragen durften. Kanzlerin Angela Merkel war bereits in der vergangenen Woche dran, am Ende wusste der Zuschauer im Wesentlichen, dass der Smiley ihr liebstes Emoji sei, manchmal mit einem Herzen.

Die vier Youtuber, zusammen mit einer Reichweite von rund 2,7 Millionen Zuschauern, sind keine politischen Journalisten. Sie fragen anders, konfrontieren seltener. Nach dem Merkel-Interview wurden sie dafür kritisiert. Die Macher vom produzierenden Studio 71 haben darauf reagiert. Zwei Moderatoren wurden ausgetauscht, die Sendezeit verlängert. Die Fragen wechselten zwischen persönlich und inhaltlich. Martin Schulz witterte darin offenbar eine Chance, nach dem öden TV-Duell am Wochenende einen Kontrapunkt setzen zu können zur Kanzlerin.

"Ich habe mich auf jeden Fall gut vorbereitet"

Mit Sen redet er über Integration und wachsende Ausländerfeindlichkeit. Die 26-Jährige ist türkischstämmig, von vielen Aspekten selbst betroffen. Das macht sie engagiert, obwohl sie vorab auf ihrem Kanal ankündigte: „Politik ist nicht gerade ein großes Hobby von mir.“

Neben Sen war der 23-jährige Marcel Althaus neu im Moderatorenquartett. Althaus wollte mit Schulz über Digitalisierung reden. Der verspricht, alles müsse besser werden. Konkreter wird er kaum. Althaus ist damit leider hoffnungslos überfordert. Beide Gesprächspartner leben in so unterschiedlichen Welten, dass eine Kommunikation unmöglich scheint. Althaus tritt sonst eher in Videos auf, in denen er Maschinengewehre in Computerspielen testet oder resümiert, wie er mit seiner Freundin zusammengekommen ist. Am Ende bleibt von ihm nur der verzweifelte Satz: „Ich habe mich auf jeden Fall gut vorbereitet.“

Für Schulz war es ein Wagnis, das aufging

Zum Glück sind die 22-jährige Lisa Sophie und der 31-jährige Mirko Drotschmann wieder mit an Bord, wie schon beim Merkel-Interview. Drotschmann stellte Schulz’ Bürgernähe auf die Probe. Ob Schulz wisse, was ein Liter Milch bei Aldi kostet. Und Butter? Schulz weiß es, fast centgenau. Zumindest im Netz kommt das beim Publikum an. Dort wird gelobt, Schulz käme viel bürgernäher rüber als die Kanzlerin. „So sympathisch! Ich weiß jetzt, wer der bessere Kanzler ist“, schreibt jemand bei Twitter.

Ein Thema, das viele junge Zuschauer offenbar interessierte: Wie steht Schulz zur Legalisierung von Cannabis? Der SPD-Kandidat verwies auf seine frühere Alkoholsucht, weshalb er beim Thema Rauschmittel lieber defensiv sei. Aber er würde das Thema im Bundestag zu einer offenen Abstimmung freigeben, wie es Merkel mit der Ehe für alle tat.

Für den SPD-Kandidaten war das Interview ein Wagnis, das offenbar aufging. Nur einmal schien er sich unwohl zu fühlen, als Nihan Sen – ein bisschen Unterhaltung muss sein – fragte, was seine größte Dummheit gewesen sei. Schulz druckst herum, sagt, er könne nur die zweitgrößte Dummheit verraten. Er sei mal nach einer durchzechten Nacht in ein Freibad eingebrochen und habe eine Packung Waschpulver ins Becken gekippt. Das ist vielleicht keine Kanzlerqualifikation, aber in jedem Fall eine bessere Geschichte als die vom Lieblings-Emoji.

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