Ypsilanti trifft Wagenknecht : Linker als das männliche Establishment

Andrea Ypsilanti und Sahra Wagenknecht stehen in ihren Parteien links außen. In Halle diskutierten sie über moderne Politik. Einig waren sie sich nicht.

Michael Schlieben
Ypsilanti_Wagenknecht Foto: dpa
Andrea Ypsilanti (l.) und Sahra Wagenknecht -Foto: dpa

HalleDas Varieté-Theater in Halle ist gut besucht. Kaum einer der 300 rot gepolsterten Stühle ist kurz vor Beginn der Veranstaltung noch zu ergattern. Kein Wunder, das Thema hat es in sich. Die linken Oppositionsparteien in Deutschland wollen – nach Jahren der Abgrenzung – aufeinander zugehen und in diversen Gesprächszirkeln einen gemeinsamen Politikwechsel vorbereiten.

"Frauen ganz links", lautet das offizielle Motto des Abends. Die Diskutantinnen haben das Interesse zusätzlich angeheizt. Für die Linke tritt Sahra Wagenknecht an. Sie ist Vorsitzende der Kommunistischen Plattform und designierte, aber bereits umstrittene Vize-Parteichefin. Und von der SPD: Andrea Ypsilanti, die frühere hessische Landeschefin, die vor anderthalb Jahren mit dem Versuch scheiterte, das erste von der Linken tolerierte rot-grüne Regierungsbündnis im Westen zu schmieden. Am Montag war Ypsilanti nach langer Pause erstmals wieder öffentlich aufgetreten, um ihre neue Denkfabrik vorzustellen, die parteiübergreifend ein Konzept gegen den Neoliberalismus erarbeiten soll.

Die meisten im Publikum sind jenseits der 60. Keine jung-revolutionären Polit-Aktivisten also, die "angewandte Kuba-Wissenschaft" betreiben, wie grüne Spötter Ypsilantis Annäherungspolitik genannt haben. Nein, das Publikum entspricht der Wählerschaft der Linkspartei im Osten. Es sind vor allem Rentner und Hartz-IV-Empfänger, die auf die "neuen sozialen Ideen" gespannt sind, die auf dem Plakat auf der Bühne angekündigt sind.

Dennoch ist es lebhaft. Schon beim Einzug der beiden Politikerinnen klatschen die Hallenser kräftig. Ypsilanti sieht entspannter aus als früher. "Extrem viel Sport" habe sie gemacht seit ihrem verpatzen Machtwechsel, verriet sie kürzlich. Sonst hat sie sich zurückgehalten: keine Reden im Landtag, keine öffentlichen Auftritte, keine Interviews. Das harte Jahr 2008 habe sie verarbeiten müssen, wie sie in Halle einräumt. Jetzt aber ist sie zurück. Jetzt genießt sie wieder den Applaus.

Auf dem blauen Sessel daneben nimmt Sahra Wagenknecht Platz. Die Linke zeigt weniger innerliche Regung als Ypsilanti, die auch später Vieles nonverbal durch Nicken oder Kopfwiegen kommentiert. Wagenknecht dagegen schaut, wenn sie nicht redet, starr ins Ungefähre.

Zwischen den beiden Damen sitzt Roland Claus. Regelmäßig moderiert der Ostbeauftragte der Linken Treffen, auf denen seine Partei den Dialog zu anderen gesellschaftlichen Gruppen sucht. Darum soll es auch heute gehen, sagt Claus: Um den Erfahrungsaustausch "zweier Menschen mit unterschiedlichen Biografien", nicht um das "Basteln neuer Regierungen und Koalitionen".  

Seine Fragen drehen sich dann aber doch auffallend oft um neue Parteien und Bündnisse. "Warum habt ihr eigentlich euer Institut für sozialistische Moderne gegründet?", wendet sich Claus an Ypsilanti. Fröhlich korrigiert sie ihn, den letzten Bezirks-Chef der SED in Halle: Eigentlich heißt es "solidarische Moderne".

Und dann erzählt sie. Schon damals in Hessen sei es ihr um "ein neuartiges Politikprojekt" gegangen. Sie wollte eine neue Energie-, eine neue Schul-, eine neue Migrationspolitik. Aber wegen der "kampagnenartigen Skandalisierung meiner Person" seien die inhaltlichen Reformvorschläge übersehen worden. Die SPD-Führung in Berlin sei viel zu sehr mit den kleinteiligen "Einzelinstrumenten" des Regierungsalltags beschäftigt gewesen – und habe Fragen wie: "Wie soll die Gesellschaft in 15 Jahren aussehen?" schlichtweg ignoriert. Dabei sei in der Bevölkerung nach wie vor eine große Unzufriedenheit mit der Politik und Sehnsucht nach einer wirklichen Alternative vorhanden, sagt Ypsilanti.

In wenigen Sätzen verbindet sie Gesellschaftskritik mit Medienschelte und der Klage über die Ignoranz der alten SPD-Elite. Herausgekommen sei eben ihr neues Institut.

Sahra Wagenknecht verfolgt Ypsilantis Ausführungen regungslos. Erst als ihr das Wort erteilt wird, ("Wie wollt ihr das System Rüttgers überwinden?"), taut sie auf. Mit lauter Stimme hält die bekennende Kommunistin der SPD vor, Teil des "neoliberalen Parteienkartells" zu sein. Sie fordert eine Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, eine "radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich" und die Abschaffung des "barbarischen Repressionssystems" Hartz IV. All das sei mit der SPD derzeit nicht zu machen. Es klingt schroff, unversöhnlich, wie eine Wahlkampf-Rede, die zum plüschigen Varieté-Ambiente nicht so recht passen mag.

Wagenknecht ist radikaler, unbeirrter, auch stringenter als Ypsilanti. Dafür tritt die Hessin nachdenklicher, tastender auf als noch im Wahlkampf. Oft gebraucht sie einerseits/andererseits-Konstellationen und gibt mehrfach freimütig zu: Über "ein fertiges Konzept" verfüge sie nicht.

Zwar kritisieren beide den "entfesselten Kapitalismus". Aber Ypsilanti geht auf Distanz zu Wagenknechts Positionen. Sie könne verstehen, dass die SPD-Chefin Hannelore Kraft in NRW Hemmungen habe, auf die dortige Linke zuzugehen. Die NRW-Linke ist Wagenknechts Landesverband. Leute, die bloß "Hartz IV muss weg" grölen, gefielen ihr auch nicht, sagt Ypsilanti. Sie teile "nicht jeden Traum von Sahra Wagenknecht". So sei sie gegen eine Verstaatlichung der Banken, wohl aber für eine strengere Regulierung.

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Ypsilanti bemüht sich, ganz didaktisch, diese herauszuarbeiten. Und Wagenknecht wird im Laufe der 90 Minuten ebenfalls kompromissbereiter und differenzierter. Ypsilanti sagt zum Beispiel, dass sie Wagenknechts Plädoyer für die staatliche Hoheit über die öffentliche Daseinsfürsorge (Bildung, Gesundheit, Soziales) gutheiße. Wagenknecht stimmt mit Ypsilanti darin überein, dass es gute Gründe gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe.

Absolut einig sind sie sich dann bei der Publikumsfrage, ob sie für die Einführung einer Vermögens-, einer Reichen- und einer Börsenumsatzsteuer seien. Ypsilanti sagt: "Dreimal ja." Wagenknecht: "Dito."

Und noch eines eint sie: Beide wünschen sich mehr Aufbruch, mehr Umbruch. Ypsilanti stört "unsere schläfrige Demokratie". Vom Osten könne man vielleicht lernen, wie man "Widerstand" gegen ein falsches System übt. Bei diesem Satz erhält sie fast den größten Applaus. Ein paar Minuten zuvor, als sie die DDR als "Unrechtsstaat" bezeichnet hatte, war es im Varieté plötzlich noch sehr still geworden. Aber ansonsten: Die beiden zornigen, klugen Frauen gefallen den Hallenser Rentnern.

Quelle: ZEIT ONLINE

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben