Politik : Zahl der Toten laut Drogenbericht erneut gestiegen

Beatrice von Weizsäcker

Wieder ist die Zahl gestiegen: 1999 registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) 1812 Rauschgifttote; das sind 8,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Überdurchschnittliche Steigerungsraten stellte das BKA in Schleswig-Holstein (plus 48,1 Prozent), Berlin (plus 28,1 Prozent), Baden-Württemberg (plus 23 Prozent), Rheinland-Pfalz (plus 18,3 Prozet) Nordrhein-Westfahlen (plus 17,2 Prozent) und Bremen (plus 13,4 Prozent) fest. In Bayern sank die Zahl um 14,4 Prozent. In Hamburg wurde mit 115 Rauschgifttoten ein seit 1990 nicht mehr registrierter Tiefststand erreicht. Ostdeutschland ist gering belastet.

Natürlich ist die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Christa Nickels, über die Statistik beunruhigt. Doch sie warnt vor voreiligen Schlüssen: Die Zahl der Toten sei kein Maßstab für den Erfolg oder Misserfolg einer bestimmten Drogenpolitik.

Die Vergangenheit gibt ihr Recht: In den 90er Jahren gab es deutliche Schwankungen. 1991 lag die Zahl bei 2125, 1995 bei 1565, 1996 stieg sie auf 1712 - trotz gleich bleibender Politik des damaligen Drogenbeauftragten Eduard Lintner von der CSU.

Die Statistik sagt wenig aus, betont Nickels. Zum Beispiel über die tatsächlich Todesursache. Nur ein Teil der Drogentoten werde obduziert, 1998 waren es 62 Prozent. Selbst Unfallopfer, die unter Drogeneinfluss gestanden hätten, würden als Drogentote registriert. In der Regel fehlten auch genaue Kenntnisse über die Gesamtzahl der Drogenabhängigen, so dass die Zahl der Rauschgifttoten kaum ins Verhältnis zu der der Drogenkonsumenten gesetzt werden könne.

Ferner untersuche das BKA nicht differenziert genug die Umstände der drogenbedingten Todesfälle, etwa das Alter des Toten und die Dauer der Abhängigkeit oder Zusatzerkrankungen. Häufig stürben die Drogenkranken an einer Mischung von Rauschgiften wie Heroin, Alkohol, Codein, Methadon. Auch der Zeitpunkt sei entscheidend: ein spätabendlicher exzessiver Konsum könne zu einer tödlichen Atemdepression führen. Ferner käme es auf die Stoffqualität an. Das auf dem Schwarzmarkt erhältliche Heroin zum Beispiel habe in der Regel einen niedrigen Heroingehalt. Dennoch könne es zu Schwankungen kommen, das wiederum erschwere die Dosierung, Überdosierungen seien nicht selten die Folge.

Ein weiteres Problem ist die Vergabe von Methadon. Das BKA nennt die ärztliche Vergabepraxis ein "nicht zu unterschätzendes Problem". 1999 seien in 28 Fällen Methadon als alleinige Todesursache registriert worden. Die Grünen-Politikerin teilt die Sorge, warnt aber erneut vor voreiligen Schlüssen. Sie verweist darauf, dass es bei einer qualifizierten Behandlung mit Methadon noch zu keinem einzigen Todesfall gekommen ist. Qualifizierte Behandlung bedeutet: sorgfältige Anamnese und Diagnostik, psychische Betreuung, kontrollierte Verabreichung, Dokumentation der Behandlung, klare Kriterien für einen Behandlungsabbruch: "Die Behandlung mit Methadon senkt die Sterblichkeit erheblich", so Nickels.

Überdies verringere sich das Risiko für Drogenabhängige, an der Krankheit zu sterben, deutlich, wenn sie an Hilfsmaßnahmen teilnehmen. Auch das lässt sich belegen: In Städten, die "Fixerstuben" anbieten, geht die Zahl der Drogentoten zurück. So sank die Zahl der Toten in Frankfurt am Main von 35 (1998) auf 26 (1999), in Hamburg von 132 auf 111, in Hannover von 27 auf 16.

Christa Nickels bleibt bei ihrer Warnung. Die Statistik ist kein Maßstab für die Bewertung der Drogenpolitik. Kurzfristige - oft ideologisch begründete - Schlussfolgerungen "helfen nicht weiter". Darum wirbt sie weiter - für eine differenzierte Drogenpolitik, die Sucht als Krankheit ansieht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben