Politik : ZAUBERWORT EIGENVERANTWORTUNG

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Nach der großen Flut der Elbe und ihrer Nebenflüsse vor zehn Jahren sind vielerorts die Häuser wieder genau da aufgebaut worden, wo sie 2002 weggeschwemmt worden waren. „Für die Opfer war es natürlich ein Segen, dass nach 2002 sehr viel Geld zur Verfügung stand, so dass ein Großteil der Schäden ersetzt werden konnte, unabhängig davon, ob die Betroffenen versichert waren oder nicht“, sagte Professor Peter Höppe, Leiter der Geo-Risiko-Forschung der Münchner Rückversicherung dem Tagesspiegel. Höppe hat festgestellt, dass „man nach einer Naturkatastrophe schnell wieder vergisst“. Das führe nicht nur in Deutschland oft genug dazu, „dass man die gleichen Fehler macht wie vorher und an der gleichen Stelle die Häuser wieder aufbaut“. Das sei auch nach dem Tsunami 2004 in Südostasien zu beobachten gewesen. Dort seien zunächst Häuser auf Stelzen gebaut worden, damit das Wasser unter den Häusern durchfließen könne. „Inzwischen wird das oft zugemauert, um diese Räume auch zu nutzen“, sagt Höppe.

Ein Großteil der Deutschen unterschätzt das Risiko, dass ihr Haus oder ihre Wohnung durch Hagel, Starkregen oder Hochwasser beschädigt oder gar zerstört werden könnte. Das geht aus einer Umfrage des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. 90 Prozent der Deutschen glauben, die Gefahr selbst einmal betroffen zu sein, sei gering. Ein Irrtum. „Auch in Deutschland macht sich der weltweite Klimawandel bemerkbar“, sagt Jörg Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung. „Immer häufiger werden Häuser überschwemmt, die abseits von großen Flüssen liegen.“ Denn Starkregenereignisse haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Die wenigsten Deutschen sind gegen einen Schaden durch eine Naturgewalt wie das Elbhochwasser vor zehn Jahren versichert. Nur 30 Prozent haben eine Elementarschadenversicherung. 63 Prozent der Deutschen glauben gar, ihr Haus oder ihre Wohnung überhaupt nicht gegen einen solchen Schaden versichern zu können.

Der Großteil der Deutschen verlässt sich darauf, dass der Staat einspringt. Dabei gibt es in zahlreichen Bundesländern wie Bayern, Sachsen oder Niedersachsen nur noch dann staatliche Hilfen, wenn sich der Schaden nicht versichern lässt. Das trifft allerdings nach Ansicht des GDV auf die wenigsten Häuser und Wohnungen zu. 99 Prozent der Haushalte könnten problemlos gegen Hochwasser, Hagelschlag oder Sturmschäden abgesichert werden, meint der Verband.

Trotz der inzwischen strikten Vorgabe, nur noch einzuspringen, wenn eine Versicherung nicht möglich ist, gibt es für die Betroffenen weiterhin eher widersprüchliche Signale. Als 2006 und 2010 wieder in Sachsen Flüsse über die Ufer traten, versprach Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) prompt sofort wieder staatliche Hilfen für die Opfer. Darüber kann sich Georg Rast, Flussexperte der Umweltstiftung WWF, ziemlich ärgern. Er findet es nämlich ungerecht, dass die „Allgemeinheit“ die Kosten dafür tragen muss, dass einige Hausbesitzer „hohe Risiken eingehen“, indem sie in Überschwemmungsgebieten bauen. Auch wenn Rast zugesteht, dass die Hausbesitzer daran nicht alleine schuld sind, schließlich hätten viele Gemeinden genau dort Baugebiete ausgewiesen. Dennoch hält Rast auch wenig davon, eine Elementarschadenversicherung verpflichtend einzuführen. Nach der Elbeflut war das intensiv diskutiert worden, doch 2004 legten Bund und Länder den Plan wieder zu den Akten. Seither versuchen vor allem Sachsen und Bayern jedoch die Hausbesitzer in den gefährdeten Gebieten durch Argumente und sanften Zwang dazu zu bewegen, ihre Immobilien gegen Naturgefahren zu versichern. Eben auch durch die Ankündigung, nur noch dann einzuspringen, wenn eine Versicherung nicht möglich ist. Georg Rast findet, dass das Risiko bei den Tarifen deutlich sichtbar sein muss. Und Peter Höppe gibt ihm recht. Es wäre wichtig, dass man „über die Prämiengestaltung Zeichen setzt“, meint Höppe.

Georg Rast geht in seiner Kritik aber noch einen Schritt weiter. Er findet es nicht nur ungerecht, dass die Allgemeinheit dafür haftet, wenn Häuser auf früheren Flussarmen oder in ehemals natürlichen Überschwemmungsgebieten der Flüsse zerstört werden. Er findet auch, dass Dienstleistungen für mögliche künftige Flutopfer, wie beispielsweise detaillierte Informationen über Gefahrenlagen und Frühwarnsysteme nicht unbedingt allein von den Steuerzahlern getragen werden müssten. Zumindest eine Eigenbeteiligung derjenigen, die „auch heute noch nicht auf eine Wohnung mit Blick auf den Fluss“ verzichten wollten und dafür deutlich höhere Preise zu zahlen bereit seien, findet Rast mehr als angemessen.

Ein Beispiel für die Haltung, die Rast kritisiert, ist ein Eiscafé in Bad Schandau. Der Besitzer des Cafés „Memory“ hat 1999 eine Baugenehmigung für das Haus unweit der Elbe bekommen. Im Juli 2000 wurde das Cafe eröffnet. Als die Elbe 2002 über die Ufer trat, wurde das Cafe völlig verwüstet. Dennoch hat es Derk Kagerer dank vieler privater Spenden, wie er auf seiner Homepage berichtet, im März 2003 wiedereröffnet. Genau am gleichen Platz wie zuvor. Im März 2006 schwappte die Elbe erneut in Kagerers Café. Diesmal stand sie „nur“ etwa 1,50 Meter hoch im Haus, berichtet er weiter. Und wieder beschloss der Café-Besitzer, das Haus zu renovieren und seinen Betrieb an gleicher Stelle fortzuführen. Im Juli 2006 eröffnete er das Eiscafé erneut. Auf der Homepage heißt es: „Wir wünschen und hoffen, dass das nächste Hochwasser nicht so schnell wieder kommt.“ In diesem Jahr war das Café jedoch erneut von Hochwasser betroffen.

Wenn schon am gleichen Platz wieder gebaut wird, sollten zumindest einige Regeln beachtet werden, schreibt das Umweltbundesamt zum Hochwasserschutz. Wenn schon eine Ölheizung eingebaut werden soll, dann auf dem Dach und nicht im Keller. Die Rückversicherer haben nach der Flut 2002 nämlich errechnet, dass die durchschnittlichen Schäden an einem Haus, dessen Erdgeschoss überflutet war, bei rund 42 000Euro gelegen haben. In einem unterkellerten Haus lagen die Schäden im Schnitt dagegen bei knapp 73 000 Euro. Es gibt aber auch gefahrlosere Möglichkeiten für die Wärmeversorgung wie beispielsweise der Anschluss an ein Fernwärmenetz. Neubauten brauchen oft gar keine Heizung mehr, weil sie Solarwärme nutzen und gut gedämmt sind.

Mitarbeit Carla Neuhaus

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