Zeca Schall im Interview : "Ich fühle mich bedroht, aber ich habe keine Angst"

Zeca Schall, Mitglied der CDU in Thüringen und gebürtiger Angolaner, spricht im Interview mit dem Tagesspiegel.de über die Drohungen der NPD, die Aufgaben der Politik und den Fall der Mauer, den er in der DDR miterlebte.

Interview: Janina Guthke
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Zeca Schall, CDU-Landesregierung Thüringen. (Archiv) -Foto: dpa

Herr Schall, Sie haben eine recht bewegte Lebensgeschichte. Sie sind 1988 von Angola in die DDR ausgewandert und haben dann den Mauerfall miterlebt. Wieso haben Sie Angola verlassen?

Damals war die Situation in Angola nicht einfach. Es war Krieg, Bürgerkrieg, und der war schlimm. Als ich das Angebot für eine Maschinenbau-Ausbildung in Hildburghausen bekam, habe ich zugegriffen und bin geblieben.

Wieso sind Sie ausgerechnet in die DDR ausgewandert? Hatten Sie eine Wahl, wohin Sie gehen wollten?

Ich war in Angola auf einer Fachhochschule für Agrarwissenschaft und Landwirtschaft. Nebenbei habe ich gearbeitet. In meiner Firma hat man mich gefragt, ob ich eine Maschinenbau-Ausbildung in Hildburghausen machen will. Meine Antwort war: Ja, ich bin bereit. Und so bin ich in Hildburghausen gelandet. Kurze Zeit später habe ich hier eine Familie kennen gelernt, die auf mich aufgepasst hat. So wurde Deutschland mein zu Hause.

Wie war das Ankommen in der DDR? 

Für mich war das kein Kulturschock, da ich vorher eine internationale Schule besucht habe. Da gab es auch Deutsche, Russen - alle in Angola vertretenen Nationen schickten ihre Kinder auf diese Schule. So bin ich auch mit Deutschen aufgewachsen.

Nicht lange nach Ihrer Ankunft fiel die Mauer. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich habe gemeinsam mit meinen Kollegen für diese Freiheit demonstriert. Wir sind von der Schule oder aus unseren Betrieben immer direkt zum Marktplatz und haben den Mauerfall gefordert, die Freiheit gefordert. Eigentlich war ja alles in Ordnung, aber die Mehrheit der Menschen wollte die Freiheit. Deshalb haben wir gemeinsam dafür gekämpft. Und unser Ziel erreicht.

20 Jahre ist dieses Ereignis her. Sehen Sie heute noch Unterschiede zwischen Ost- und West?

Ja. Unterschiede gibt es vor allem hinsichtlich der Infrastruktur und der Wirtschaftsentwicklung. Doch wir sind dabei, diese auszugleichen und wir sind zuversichtlich. Es geht vorwärts. Die Menschen in Ost und West sind für mich dieselben. Sie  stammen aus Familien, die nur durch die Mauer getrennt wurden. 

Gerade die neuen Bundesländer gelten bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund als gefährlich. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Zu Zeiten der DDR gab es eine gutes Zusammenleben mit Ausländern. Wir waren etwa 8000 Angolaner, über 90.000 Vietnamesen, knapp 80.000 Kubaner und noch viel mehr. In den neuen Bundesländern gibt es mittlerweile aber tatsächlich  nur noch wenige Ausländer. Das liegt vor allem an der wirtschaftlichen Situation. Die heutigen Probleme in den Kommunen sind zu bedauern und sehr schade. Es zeigt aber auch: Integration ist eine unverzichtbare Aufgabe, die gemeinsam angegangen werden muss. Vor allem Menschen, die kein anderes Land kennen, die hier geboren sind, müssen integriert werden. Die Einwanderer wiederum müssen unsere demokratischen Prinzipien und unsere Rechtsordnung akzeptieren und sich anpassen.

Wie kann die Situation verbessert werden?

Die Politik muss ihren Job machen und die Rahmenbedingungen verbessern, damit Menschen, die bereits seit Jahren hier leben besser integriert werden können. Den Menschen muss die Politik erklären, dass man zusammenarbeiten muss, um Integration zu erreichen. Diese Separatisten und Nazis, die die Menschen auf der Straße verprügeln, müssen gemeinsam bekämpft werden.

Ich denke, das werden wir auch schaffen. Integration ist aber nicht nur Aufgabe der Politik. Sie ist auch Aufgabe der Gesamtgesellschaft, der Vereine und auch der Medien.

Gibt es derzeit Gegenden, in die sie nicht gehen würden?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin viel in den neuen und alten Bundesländern unterwegs und hatte bisher keine Probleme. Egal ob Berlin, Brandenburg, Niedersachsen oder Bayern – ich fühle mich sicher. Man muss natürlich immer aufpassen, vor allem wenn man nachts alleine unterwegs ist. Wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, bin ich meistens mit Freunden unterwegs. Alleine nehme ich das Auto.

Die NPD hat in einer Pressemitteilung gedroht, mit Ihnen über Ihre „Heimkehr“ zu sprechen. War das die erste Drohung an Sie von rechter Seite?

In diesem Ausmaß war es das erste Mal. Aber vor ungefähr acht Jahren war ich in eine Schlägerei mit Rechten verwickelt. Bei einer Feier wurde ein Bekannter von mir aus Mozambique draußen auf der Straße von vier Rechtsextremen zusammengeschlagen. Viele Menschen standen einfach nur um das Geschehen herum, ohne einzugreifen. Geholfen hat keiner. Als ich versucht habe, meinem Freund zu helfen, haben mich die vier auch verletzt. Der Tag endete für mich im Krankenhaus.

Und da sagen Sie, Sie fühlen sich in Deutschland sicher?

Ich werde ja teilweise von Staatsschutz und Polizei begleitet, beispielsweise im Wahlkampf oder bei wichtigen Auftritten. Darauf vertraue ich. Ich fühle mich schon bedroht, aber ich habe keine richtige Angst.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie von der NPD-Drohung erfahren haben?

Das war ein Riesenschock, auch für meine Partei und die CDU Deutschland. Das Ausmaß war schon schockierend. Viele Bürger hier in Hildburghausen und in Thüringen haben ebenso empfunden. In dieser Zeit habe ich viel Solidarität erfahren - aus Deutschland und weltweit. Dafür bin ich sehr dankbar. Es hat mir den Mut gegeben weiterzumachen. Und ich werde weitermachen.

Es gab auch weitere Aktionen gegen andere Politiker ...

Ja, das habe ich natürlich mitbekommen. Es ist wirklich eine maßlose Unverschämtheit, demokratische Kräfte so öffentlich zu bedrohen. Ich persönlich stehe hinter jeder und jedem, die ebenfalls von der NPD bedroht werden, egal welcher Partei sie angehören.

Haben Sie manchmal Angst um Ihre Familie?

Manchmal habe ich Angst um meine Familie. Aber ich vertraue darauf, dass ihr nichts passiert.

2004 wurden sie eingebürgert. Als Sie den Pass erhalten haben, sind Sie noch am selben Tag in die CDU eingetreten. Warum?

Den Entschluss hatte ich schon viel früher gefasst, doch ich konnte erst mit dem Erhalt der Staatsbürgerschaft eintreten. Nach meiner Ankunft in der DDR hatte ich eine Familie kennen gelernt, die der CDU verbunden war. Diese Familie hat in Thüringen geholfen, die erste Landesregierung aufzubauen. Gemeinsam mit der CDU haben wir auch schon früh die Cabana gegründet, einen Treffpunkt für Menschen mit Migrationshintergrund und Deutschen.

Was sehen Sie am CDU-Programm als verbesserungswürdig an? 

Wir sollten mehr Migranten, die lange in Deutschland leben und hier eingebürgert sind, animieren, sich bei Kommunalwahlen selber zur Wahl zu stellen. Das finde ich wichtig. Außerdem sollten Einwanderer, die seit Jahren mit Bleiberecht in Deutschland sind, eingebürgert werden. Da muss sich noch einiges bewegen, aber wir sind dran. 

In Berlin fordert ein Demonstrant Wahlrecht für nicht eingebürgerte Ausländer, die schon lange in Deutschland leben…

Das würde ich unterstützen, denn das ist doch ihr gutes Recht. Wenn sie lange in einer Kommune leben, diese kennen und wissen wie die Strukturen funktionieren, sollten die Menschen wählen können.

Manche behaupten, Dieter Althaus und die CDU in Thüringen benutzen Sie als Farbtupfer, um bei den Wählern mit Migrantionshintergrund gut dazustehen. Was sagen Sie dazu?



Das sehe ich anders. Dieter Althaus ist ein guter Freund und hat sich von Anfang an für Integration eingesetzt. Ich wiederum bin für die Migranten in Thüringen zuständig und bin froh, dass sich Dieter Althaus genauso für das Thema stark macht wie ich.

Sie haben mal gesagt, Sie wollen Integrationsbeauftragter für ganz Deutschland werden. Was würden Sie dann tun?



Das stimmt. Ich würde für Bildung und Sprachförderung auch in Kindergärten eintreten, um die Integration von Migranten zu erleichtern.

Welcher Mannschaft werden Sie bei der Fußball-WM in Südafrika die Daumen drücken?

Ähh...Ich bin immer für die Mannschaft die gut spielt (lacht). Angola hat auch bei der WM in Deutschland gut gespielt. Als sie dann verloren haben, war ich nicht mehr dabei (lacht wieder). Ich denke genauso wird es auch bei der WM in Südafrika, ich drücke beiden Mannschaften die Daumen.

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