Politik : Zehn Jahre danach: Der SPD-Politiker hat sich von dem Anschlag nie mehr recht erholt

Tissy Bruns

"Nehmen Sie sich jede notwendige Zeit", schrieb der Bundespräsident damals an Oskar Lafontaine. Doch Zeit gönnten ihm weder die Verhältnisse noch seine Partei. Schon zwei Tage später stand in den Zeitungen, dass Lafontaine SPD-Kanzlerkandidat bleiben würde.

Mit Blumen und Messer war die schizophrene Attentäterin auf die Wahlkampfbühne in der Köln-Mülheimer Stadthalle gekommen. Willkür und Zufall, dass sie Lafontaine, nicht Johannes Rau verletzte, und Zufall auch, dass sie nicht tödlich traf: Der Messerstich verfehlte nur um einen Millimeter die zum Gehirn führende Schlagader.

Seine Lebenssicht hat die erfahrene Todesnähe wohl für immer geändert: Ein Schulterzucken und die Bemerkung, wie er denn wissen könne, was im nächsten Jahr sei - solche Antworten hat Lafontaine oft gegeben, lange danach.

Die Beschäftigung mit dem Attentat habe er als "einen starken inneren Kräfteverlust empfunden, den ich aber nicht näher beschreiben kann", hat Lafontaine 1995 gesagt. Und: "Man braucht offenbar doch Jahre, um so etwas zu überwinden."

In diesem Jahr, fünf Jahre nach dem Attentat, griff Lafontaine doch nach dem SPD-Vorsitz, den er im Dezember 1990 ausgeschlagen hatte. Verwirrt und enttäuscht musste die SPD damals mit Lafontaines brüskem Rückzug fertig werden - er, der im April nicht innehalten konnte, zog sich am Ende des Jahres zurück, vorläufig und mit vielen Wunden.

Lafontaines Weg zuvor: ein steiler Aufstieg. Schon 1970 machten Eingeweihte seine Hand hinter den Kulissen aus, als im Saarland mit Frieder Läpple erstmals ein Juso zum Vorsitzenden eines SPD-Landesverbands gewählt wurde - Lafontaine war damals 26 Jahre alt. Oberbürgermeister von Saarbrücken, Landesvorsitzender, SPD-Präsidiumsmitglied seit 1979, Liebling der Medien, der "Modernisierer" der 80er Jahre: 1989 machte ein Juso-Bundeskongress den "Lafontainismus" als "die größte Gefahr für die Linke in der Bundesrepublik" aus.

Zehn Jahre später hatte er in den Jusos eine seiner stärksten Bastionen, der vormalige Modernisierer galt längst als "Traditionalist". Und Lafontaine, der die SPD als streng disziplinierender Parteichef an die Regierungsmacht geführt hatte, schockierte seine Partei mit einem jähen, unerklärten Abgang, den keine Entschuldigung wieder gutmachen kann.

Immer war Lafontaines Laufbahn begleitet von Spannungen zur SPD - aber niemals so dramatisch wie im Jahr 1990. Sein Förderer Willy Brandt hatte ihn schon 1987 zum Parteivorsitzenden machen wollen. Das Wendejahr 1990 entfremdete den talentierten Enkel ernstlich vom Übervater, denn Brandt nahm leidenschaftlich Anteil am deutschen Einigungsprozess. Lafontaine hingegen blieb reserviert. Er irritierte mit der Empfehlung, den Staatsvertrag mit der DDR im Bundestag abzulehnen und im Bundesrat passieren zu lassen.

Die SPD feierte Lafontaine auf dem Berliner Parteitag im September 1990 stürmisch, aber den Wahlkämpfer stützte sie nicht. Er, dem man zutraute, neue Wählermilieus zu gewinnen, führte die SPD 1990 mit einem 33-Prozent-Ergebnis zu einem historischen Tiefpunkt. Und aus den Niederlagen wuchsen die Legenden.

Bis zu seinem Rücktritt von 1999 verbreitete Lafontaine das Gefühl, eigentlich doch Recht gehabt zu haben. Seine düsteren Prognosen über die Kosten der Einheit bewahrheiteten sich - und erübrigten die Frage danach, ob ein SPD-Kanzlerkandidat 1990 die deutsche Einheit nicht doch anders hätte aufgreifen müssen. In den 90er Jahren fanden sich Lafontaine und SPD in dem gemeinsamen Gefühl, man wäre längst wieder an der Macht, wenn Kohl 1990 nicht das Glück mit der Einheit gehabt hätte.

Lafontaines Jahre des "Kräfteverlusts" waren für die SPD die traurigsten Oppositionsjahre - ohne Orientierung. 1995, als er auf dem Mannheimer Parteitag die Delegierten für sich gewann, eroberte er eine tief deprimierte Partei. Vielleicht war für beide, für Lafontaine wie die SPD, das Jahr 1990 mit dem Wahlsieg von 1998 wiedergutgemacht - und Oskar Lafontaines politische Geschichte beendet.

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