Politik : Zehn Jahre Deutsche Einheit (4): Zwei Völker in einem Land

Sonja Margolina

Im Laufe der letzten zehn Jahre wurde zur Wiedervereinigung alles Denkbare gesagt. Die meisten stimmen darin überein, dass es keine Alternative zum raschen Anschluss gab. Angesichts der fragilen außenpolitischen Situation und der Anwesenheit der sowjetischen Truppen zeigte Helmut Kohl ein bemerkenswertes Gespür für den historischen Augenblick und schuf unumkehrbare Tatsachen. Die Verfassung und die bundesrepublikanischen Institutionen wurden auf die neuen Länder übertragen, hunderte von Milliarden in die Infrastruktur und die Schaffung von Arbeitsplätzen gepumpt.

Aber die Losung der romantischen Periode, der Traum vom "Zusammenwachsen" der beiden künstlich getrennten Teile, erwies sich als gegenstandslos. Die eine Sprache und die gleiche Währung, die gemeinsamen "Dichter und Denker" scheinen nicht auszureichen, um eine Nation wieder zu errichten. Nicht das Volk, sondern zwei Quasi-Ethnien mit unterschiedlichen Wertvorstellungen - Ossis und Wessis - gingen aus dem misslungenen Zusammenwachsen hervor.

Wer dieses Ergebnis vor Augen hat und von Schuld spricht, liegt jedoch falsch. Schicksal wäre vermutlich eine richtigere Bezeichnung dafür. Es gibt nämlich Orte, an denen alle Veränderungen nur die Wiederkehr des immer Gleichen fördern. In Italien heißt ein so gezeichneter Ort Mezzogiorno, und manche Stimmen malten auch für die neuen Bundesländer einen vergleichbaren Dauerzustand aus.

Ihr Problem kann man am besten erkennen, wenn man sie mit anderen mittel- und osteuropäischen Staaten vergleicht, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ihre Freiheit wiedererlangt haben. Die DDR war schon im sozialistischen System ein Sonderfall, hob sich von den übrigen sozialistischen Satelliten ab. Stellt man die neuen Bundesländer nun in die Reihe der Transformationsländer neben Tschechien und Polen, so erscheint ihre Sonderstellung noch deutlicher. Denn die Zone war sowohl unter sowjetischer Besatzung als auch danach - diesmal von der Bundesrepublik - fremdbestimmt. Während es in Osteuropa zur "Revolution" von unten kam, wurden der DDR-Gesellschaft Strukturen und Institutionen oktroyiert, gegen welche sie zwar nichts einzuwenden hatte, an deren Entwicklung sie aber nicht beteiligt war. Die "Revolution" kam in den Osten Deutschlands - allen Mythen zum Trotz - von außen.

1989 starteten also mehrere mitteleuropäische Länder in die westliche Wertegemeinschaft. Polen, Tschechien und die baltischen Staaten mussten eine Schocktherapie über sich ergehen lassen, nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch setzte ein Wirtschaftswachstum ein. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, besonders Rentner, Ungelernte, aber auch Bauern rutschten in die Armut ab, während gleichzeitig der Mittelstand an Bedeutung gewann. Selbstverständlich gibt es Schattenwirtschaft und Korruption, Chaos und Regellosigkeit. Die arbeitslose Jugend betätigt sich in dubiosen Wachfirmen oder im Drogenhandel.

Vieles von dem, was in diesen Gesellschaften den Kampf um das Dasein ausmacht, wurde den DDR-Bürgern erspart: kein Schock, aber auch keine Therapie hat nach der Wiedervereinigung stattgefunden. Zusammen brachen die ehemaligen Sowjetsatelliten in die lichte Zukunft der Globalisierung auf. Sie bewegen sich auf das Ziel, das sie für erstrebenswert und richtig halten, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit zu. Ostdeutschland ist indes schon im Paradies angelangt, aber es hat die Strecke nicht aus eigener Kraft geschafft, es hat gar nicht gelernt, richtig zu laufen, sondern wurde mit einer schicken, aber fremden Karosse weiterbefördert. Die anderen Staaten mögen hinterher hinken, aber sie hinken zumindest mit den eigenen Füßen. Deshalb sind sie ihrer Sache sicher und sehen die Zukunft optimistisch. Materiell sind die neuen Bundesländer also viel weiter als die Nachbarn, geistig geht es den Menschen elender.

Kein Wunder, dass die Paternalisten und die Wertschätzer einer Gerechtigkeit auf Kosten von Freiheit in den Meinungsumfragen genauso gut abschneiden wie in Russland, trotz des materiellen Abgrunds, der beide Länder trennt. In beiden Fällen kamen die Reformen nicht aus dem Inneren der Gesellschaft, sondern von oben, und nach dem Zusammenbruch des Zwangskollektivismus konnten keine gesellschaftlichen Strukturen das vom Sozialismus hinterlassene Vakuum füllen.

Im Osten Deutschlands wird es nun mit Ressentiments gegen alles Fremde gefüllt, die sich in den Übergriffen auf die Ausländer zuspitzen. Der Weg, der selbstständig nicht bewältigt wurde, der schnelle Anschluss an eine im Grunde fremde Gesellschaft, rächt sich nun am ganzen Land. Deshalb ist der Jahrestag der Einheit ein leeres Symbol für die guten Absichten, der Tag der gemischten Gefühle. Am 3. Oktober 1990 dachte die Politik, dass sie die Geschichte im Griff hat. Sie hat sich geirrt. Beide Teile Deutschlands sind Geiseln des Schicksals. Sonja Margolina ist Publizistin und lebt in Berlin.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar