Politik : Zehn Jahre Deutsche Einheit: War Adenauer ein Vaterlandsverräter? (Gastkommentar)

Norbert Seitz

Von der "Umgruppierung der Wahrheit für beide Berichte" hätte wohl Karl Kraus gesprochen, wenn er die beflissenen Bilanzfälschungen aller Parteien zum zehnten Jahrestag der deutschen Einheit erlebt hätte. Da werden eifrig Verratslegenden gezimmert, Teilnehmerlisten frisiert und alte Streitpapiere gegen Milliardenkredite ausgespielt. Während die Union "Hau den Oskar!" spielt, präsentiert die SPD ihren Willy als historischen Ausputzer. Derweil beginnt Helmut Kohl sogar mit der persönlichen Säuberungspraxis, interne Gegner von einst über das Prüfungsmerkmal deutsche Einheit auszusortieren, so sie denn nicht genügend geglaubt, gehofft oder gebetet haben bzw. ihm gefolgt sind.

Minister Eichels tränenerstickte Betroffenheit vor dem Bundestag kann natürlich nicht über Willy Brandts Philippika am Morgen nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl hinwegtäuschen. Aus Verbitterung über Lafontaines Kassandra-Kampagne brachte Brandt damals - am 3. Dezember 1990 - sogar seinen Ehrenvorsitz in der Partei zur Sprache, da der Eindruck entstanden sei, Sozialdemokraten könnten mit ihren Kostenargumenten die Einheit und Freiheit "mehr als Bürde denn als Chance" begreifen.

Noch Mitte August 1989 hatte Oskar Lafontaine seinen Staatssekretär Weber nach Ost-Berlin entsandt, "um Wege zur Eindämmung der Fluchtwelle zu erörtern." Und Ende 1989 forderte er gar, "DDR-Bürger nicht mehr als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes zu behandeln."

Aber auch der siegergeschichtliche Gestus der Konservativen verrät ein schwaches Langzeitgedächtnis. "Wir brauchen keine Reden umzuschreiben", verkündete Helmut Kohl vor zehn Jahren auf dem Hamburger Vereinigungsparteitag der CDU, denn: "Wir haben nie aufgehört, für die Einheit der Deutschen in Freiheit zu arbeiten."

Eine kühne Behauptung, die zum Glück für die Union nicht stimmt, denn als strikte Wiedervereinigungspartei hätte sie in der Nachkriegszeit kaum bestehen können. Lebte die Erfolgsgeschichte der Bonner Republik nicht auch von Anfang an vom Parteienspiel mit vertauschten Rollen? Zunächst waren die Konservativen die ersten Europäer und die Sozialdemokraten die Oberpatrioten. Ließen die einen vom Spiel mit der "nationalen Karte", so fürchteten die anderen den Ruf der "vaterlandslosen Gesellen". Auf Herbert Wehners Antrag formulierte der Deutsche Bundestag 1950 die Entschließung, "vom unerschütterlichen Willen des ganzen deutschen Volkes zu seiner Einheit". Derweil schwang Kurt Schumacher die nationale Keule gegen den "Kanzler der Alliierten" und polterte, dass aufgehört habe, "ein Deutscher zu sein", wer dem Deutschland-Vertrag von 1952 mit seiner Vorbehaltsklausel zustimmte.

Mochte Konrad Adenauer auch gebetsmühlenartig verkünden, die Wiedervereinigung sei "das vordringlichste Ziel deutscher Politik", er selber war es, der dem sowjetischen Botschafter Smirnow 1958 vorschlug, "der Sowjetzone den Status Österreichs zu geben" und 1962 einen "Burgfriedensplan" mit Moskau anstrebte, der die Wiedervereinigung als zweitrangiges Ziel hinnahm. Dies grenzte gewiss nicht an nationalen Verrat, sondern entsprach einer klugen Diplomatie im Atomzeitalter, da die deutsche Frage aufs Nebengleis der Weltpolitik geraten war.

Der Historiker Gregor Schöllgen hat auf Gemeinsamkeiten zwischen Adenauers später ostpolitischer Geheimdiplomatie und Bahr-Brandts Strategie eines "Wandels durch Annäherung" hingewiesen. Im Streit zwischen kleineuropäischen "Gaullisten" und treudeutschen Atlantikern verarbeitete die Union in den 60er Jahren ihre Wiedervereinigungsillusionen, ehe Außenamtsstaatssekretär Karl Carstens, der später Bundespräsident werden sollte, feststellen musste, dass die Zeit der "aktiven Wiedervereinigungspolitik" vorüber sei.

Nachdem die Große Koalition die Hallstein-Doktrin abgefeiert hatte, ging das sozialliberale Bündnis von zwei deutschen Staaten aus, "die füreinander nicht Ausland sind." Ein Treppenwitz der 70er Jahre, dass ausgerechnet der einst so klug argumentierende "Gaullist" Franz Josef Strauß das Land wegen der Ostpolitik Brandts in einen kleinen Bürgerkrieg polarisieren wollte.

Aber auch Helmut Kohl kann im Rückblick auf seine frühe Regentschaft keine neue nationale Option behaupten, mochte er auch beim Honecker-Besuch 1987 - nach eigenem Bekunden - noch so unfreundlich dreingeschaut haben. Referierte nicht Ministerin Dorothee Wilms noch im Januar 1988 in Paris völlig angemessen, dass der "Nationalstaat um seiner selbst willen" kein Auftrag des Grundgesetzes sei und auch nicht "unserem politischen Bewusstsein" entspreche?

Und war Geißlers Versuch nicht auf der Höhe der Zeit, den Begriff "Wiedervereinigung" aus dem deutschlandpolitischen Leitantrag zum CDU-Parteitag 1988 zu tilgen, was zwar auf Druck der Parteirechten verhindert wurde, aber zunächst auch Kohls Zustimmung gefunden hatte?

Im Berliner "Tränenpalast" endete nun Helmut Kohls geschichtsrevisionistische Schleiffspur, die einst auf dem Bitburger Soldatenfriedhof begann. Damals hatte ihm ein befreundeter Historiker eingeflüstert, dass die Zukunft nur beherrschen könne, wer über die Deutung der Vergangenheit verfüge. Für den Altkanzler ist der Dresdner Staatsakt am 3. Oktober nur ein konspiratives Treffen zwischen parteiinternen Gegnern und rot-grünen Vaterlandsverrrätern, die sich über ihre Staatsämter seines Tages bemächtigen. Damit gefährdet Kohl nicht nur die Zukuft seiner Partei, sondern auch "sein" Werk - die geeinte Nation.

Kein Zweifel, bereits nach einem Jahrzehnt ist der Mythos von der deutschen Einheit zerstoben, an dem letztlich alle partizipiert hatten - konservative Totrüstungsstrategen ebenso wie linke Entspannungspolitiker oder alternative Bürgerrechtler. In dieser unübersichtlichen Situation trat nunmehr der alte Menschenfischer Johannes Rau auf den Plan, um die Leute im Osten als die wahren Sieger der Deutschen Einheit auszurufen. Keine schlechte Lösung.

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