Zehn Jahre nach dem US-Einmarsch : Was wird aus dem Irak?

Nach dem Abzug der US-Truppen ist das Zweistromland weitgehend vom Radar der Berichterstatter verschwunden. Dabei steht das Land am Scheideweg: Während der Irak über immense Bodenschätze verfügt, fehlt es an Straßen, Schulen, Stromversorgung. Politisch befindet sich das Land in einem Schwebezustand – kein gutes Klima für Investoren.

Martin Gehlen
Niedergang … Iraker vor den Trümmern eines Hauses. Bei dem Bombenattentat im Juli 2012 kamen 42 Menschen ums Leben.
Niedergang … Iraker vor den Trümmern eines Hauses. Bei dem Bombenattentat im Juli 2012 kamen 42 Menschen ums Leben.Foto: Reuters

Milliarden Barrel Erdöl lagern nach Schätzungen im Irak. Dabei handelt es sich weitgehend um Reserven hoher Qualität, die ohne großen Aufwand gefördert werden könnten. Allerdings fehlt dafür zum Teil die Infrastruktur.

Für Iraks Sunniten ist das Maß voll. „Wir leben wie Außenseiter“, „Raus mit dem Iran“ und „Maliki ist ein Lügner“, skandieren die Demonstranten. In Ramadi und Fallujah blockierten Zehntausende die Autobahn zwischen Bagdad und Jordanien, eine der wichtigsten Verkehrsadern des Landes. Jeden Freitag gehen auch in Mosul, Kirkuk, Tikrit und Bagdad die Massen auf die Straßen – der Irak erlebt momentan die größte Protestwelle der sunnitischen Minderheit seit dem Sturz von Saddam Hussein. Nachdem Soldaten vor zwei Wochen bei Falludscha mit scharfer Munition in die aufgebrachte Menge feuerten und neun Demonstranten töteten, droht die Lage nun außer Kontrolle zu geraten. Sunniten aus den Provinzen Anbar und Salahaddin blasen zum Millionenmarsch auf Bagdad, während die Regierung die Hauptstadt in den vergangenen Tagen eilig in eine Festung verwandeln und alle Zugangsstraßen blockieren ließ. Gleichzeitig erwägt das Innenministerium erstmals seit Jahren wieder nächtliche Ausgangssperren, um die rasant steigende Zahl politischer Morde einzudämmen.

Ausgelöst wurden die Unruhen Ende vergangenen Jahres, als Regierungschef Nuri al Maliki neun Leibwächter des sunnitischen Finanzministers Rafaie al Esawi verhaften ließ. Ihnen wird vorgeworfen, an politischen Auftragsmorden beteiligt zu sein. Ein Jahr zuvor hatte sich der Premier bereits in einer ähnlichen Aktion den sunnitischen Vizepräsidenten Tareq al Hashemi vorgeknöpft. Dieser floh in die Türkei ins Exil, während er zu Hause „wegen terroristischer Tätigkeiten“ zum Tode verurteilt wurde. Die Demonstranten dagegen fordern ein Ende der Hatz auf sunnitische Politiker und ein Ende des schiitischen Machtmonopols. Sie verlangen, dass die Anti-Terror-Gesetze des Landes nicht länger einseitig gegen sie ausgelegt, alle weiblichen Häftlinge ihrer Glaubensgruppe freigelassen und keine Ehefrauen von Terrorverdächtigen mehr inhaftiert werden. Einzig hier zeigte sich al Maliki bisher ein wenig kompromissbereit. Rund 3000 sunnitische Inhaftierte hat die Justiz nach eigenen Angaben inzwischen freigelassen. Vize-Premier Hussein al Schahristani entschuldigte sich offiziell bei allen Gefangenen, die ohne Haftbefehl hinter Gitter saßen.

Ansonsten hinkt das kriegszerstörte Land weiter von einer politischen Krise zur nächsten, immer wieder hart am Rande eines neuen Bürgerkriegs. Das Parlament in Bagdad liegt seit 2010 praktisch lahm, wichtige Gesetze werden nicht verabschiedet. Stromnetz, Schulsystem, Gesundheitsversorgung und Straßen befinden sich in einem beklagenswerten Zustand. Und der 79-jährige kurdische Präsident Jalal Talabani, der mit seiner persönlichen Autorität und seinem ausgleichenden Wesen bisher so manchen Konflikt entschärfen konnte, liegt mit einem Schlaganfall in der Berliner Charité.

Gleichzeitig träumen immer mehr irakische Sunniten von einer eigenen autonomen Region, angrenzend an Jordanien und Syrien – ähnlich wie die Kurden im Norden. Ein Sturz des Alawiten Baschar al Assad und seines Baath-Regimes durch sunnitische Rebellen, so das Kalkül, werde ihrem Anliegen regionalpolitischen Aufwind geben. Umgekehrt fürchten sie, der Iran könnte nach dem Verlust seines engsten Verbündeten in Damaskus versuchen, die schiitische Führung in Bagdad künftig noch stärker an die Kandare zu nehmen.

Denn auch zehn Jahre nach der amerikanischen Invasion im März 2003 sind die Iraker nicht Herr im eigenen Haus. Kaum ein Tag vergeht ohne Bombenanschläge, obwohl inzwischen auf 50 Einwohner ein Polizist oder Soldat kommt. Allein vergangene Woche starben 33 Menschen und wurden mehr als hundert verwundet. Auf dem populären Vogelmarkt im Bagdader Schiitenviertel Kadhimiyah riss eine Zwillingsbombe 17 Besucher in den Tod. Wie die Polizei ermittelte, hatten die Täter zwei geistig verwirrten Frauen Sprengstoffgürtel umgeschnallt und deren Ladung kurz hintereinander per Handy gezündet. Im Jahr 2012 wurden nach einer Bilanz von „Iraq Body Count“ insgesamt 4471 Iraker Opfer politisch motivierter Gewalt, der höchste Stand seit 2009 und gut 400 Tote mehr als im Vorjahr 2011.

Hauptprofiteur der inneren Hochspannung ist der schiitische Geistliche Muqtada al Sadr, der sich neuerdings als irakischer Nationalist und Volkstribun feiern lässt. Die Anliegen der sunnitischen Demonstranten seien legitim, erklärte der schillernde Prediger, der aus einer renommierten Theologenfamilie stammt. Demonstrativ besuchte er in langer Robe und schwarzem Turban die chaldäische Marien-Kathedrale, in der vor zwei Jahren Al-Qaida-Attentäter während einer Sonntagsmesse 53 christliche Gläubige hinrichteten. Schweigend und aufmerksam nickend ließ er sich von Pfarrer Ayssar al Yas die Renovierungsarbeiten erläutern. Anschließend fuhr al Sadr weiter zur Gailani-Moschee, einem der populärsten sunnitischen Gebetsorte in der irakischen Hauptstadt. „Einiger von Schiiten und Sunniten“ bejubelten ihn am Eingang die Schaulustigen, Frauen überschütteten den würdevoll winkenden Gast mit Süßigkeiten.

Sein schiitischer Rivale und Regierungspartner Nuri al Maliki dagegen machte ganz im Stil nahöstlicher Autokraten „ausländische Elemente und Verschwörer“ für die zunehmenden Turbulenzen verantwortlich. Kein Land der Welt toleriere die Blockade von Autobahnen, polterte der Premier und drohte den Protestierern mit hartem Vorgehen. „Ich demonstriere weiter“, deklamierte trotzig ein junger Demonstrant, der Anfang Februar bei der Schießerei der Armee in Falluja durch eine Kugel verletzt worden war. „Ich bleibe hier, selbst wenn ich irgendwann der Letzte bin.“

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