• Zehn Jahre nach der Wende gestaltet sich die Arbeit in den neuen Ländern mühselig. Viel Engagement gilt Bildungsprojekten innerhalb der Bundesrepublik

Politik : Zehn Jahre nach der Wende gestaltet sich die Arbeit in den neuen Ländern mühselig. Viel Engagement gilt Bildungsprojekten innerhalb der Bundesrepublik

Regina Villavicencio

"Es gibt nichts Schöneres, als sich am Markt zu behaupten", erklärt strahlend Claudia Greifenhahn, die Geschäftsführerin vom Aha-Ladencafé in der Nähe der Kreuzkirche in Dresden. Sie beschreibt während der Oktober-Tagung "Entwicklungspolitisches Engagement zehn Jahre nach der Wende" in Berlin mit großem Enthusiasmus die Besonderheiten der Arbeit ostdeutscher Nichtregierungsorganisationen (NRO). Dass sie mit ihren Mitarbeitern aus einem "Dritte-Welt-Laden" eine GmbH gemacht hat, ist etwas Besonderes, nicht nur im Osten, auch im Westen. Die Dresdnerin erklärt: "Ich will bei unserer Arbeit nicht von Spenden abhängig sein."

Kathrin Buhl, die entwicklungspolitische Referentin der Stiftung "Nord-Süd-Brücken", von der die NRO-Arbeit in den neuen Bundesländern gefördert wird, lobt beim Thema Spenden nachdrücklich die "Hilfsbereitschaft" von Ostdeutschen. Das Spendenaufkommen sei sogar gewachsen, wenngleich nicht ausreichend. Die Zahl der entwicklungspolitischen Gruppen und Aktivitäten habe in den letzten Jahren zugenommen, wobei man allerdings von einem Nord-Süd-Gefälle sprechen müsse. In Sachsen zum Beispiel gebe es viel mehr Initiativen als in Mecklenburg-Vorpommern. Von den 100 "Dritte-Welt-Läden", die nach der Wende in den neuen Bundesländern entstanden sind, entfallen allein fünfzig auf Sachsen. Vier davon gibt es in Dresden.

Der seit fünf Jahren bestehende Aha-Laden - Aha steht für Anders handeln - finanziert mit den fair gehandelten Produkten neue Arbeitsplätze. Fünf Angestellte arbeiten hier und 20 Pauschalkräfte, außerdem etwa 20 Ehrenamtliche. "Wir sind ein mittelständischer Betrieb geworden", sagt Claudia Greifenhahn, die politisches Engagement, Spaß und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut zu bringen versucht. Deshalb wird in dem Laden nicht nur verkauft. Ein Restaurant wurde angegliedert. Ausstellungen werden organisiert. "Steht in einem Monat zum Beispiel Chile auf der Tagesordnung, dann gibt es garantiert mehrere chilenische Gerichte auf der Speisekarte, fair gehandelte Produkte aus dem Andenland sind im Angebot, und wir machen Veranstaltungen, etwa zum Prozess um Ex-Diktator Pinochet", erklärt Geschäftsführerin Greifenhahn.

Laden und Café sind gut besucht. Seit zwei Jahren gab es keine Veranstaltung mehr, die mangels Beteiligung ausfallen musste. Das Konzept "Hören, Riechen, Sehen, Schmecken", also nicht wie bisher allein auf "Bewußtseinarbeit" zu setzen, scheint aufzugehen. Es tauchen immer wieder neue Gesichter auf, junge Leute kommen, was in anderen ostdeutschen entwicklungspolitisch orientierten Gruppen eher selten vorkommt. Schüler melden sich gern, um Praktika zu machen. "Die Jugendlichen sind oft nicht tiefer gehend politisch interessiert, sind aber der Meinung, mit der praktischen Mitarbeit könnten sie etwas Gutes tun", analysiert Greifenhahn. Ständig kommen auch Besucher aus dem Westen, die wissen wollen, wie das Geschäft funktioniert.

Oft funktioniert es in den neuen Bundesländern mühselig. Galten "Dritte-Welt-Gruppen" zu DDR-Zeiten als exotisch, so finden sie sich auch heute nur in einer Nische der Gesellschaft wieder. Noch in der Wendezeit hatte man allerdings mit breiterem gesellschaftlichen Rückhalt gerechnet, gibt Kathrin Buhl zu verstehen. An den entwicklungspolitischen Runden Tisch setzte man sich damals, damit die Vereinigung eben nicht zur Lasten der "Dritten Welt" gehe, erläutert sie.

In diesem Sinne ist die ostdeutsche Stiftung "Nord-Süd-Brücken" entstanden. Sie konnte bisher etwa 600 Projekte von zirka 200 entwicklungspolitischen Vereinen aus den neuen Ländern unterstützen. Gefördert wurden Projekte der Entwicklungszuammenarbeit in mehr als 40 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Ein Großteil der Aktivitäten besteht aus Bildungsarbeit innernhalb der Bundesrepublik. Dazu zählen Ausstellungen, Projekttage in Schulen und Jugendbegegnungsreisen in Länder des Südens. Oft geht es um Anti-Rassismus-Aktionen. Ein Teil der Gruppen kümmert sich um Asylbewerber. In Rostock hat ein Verein die Geschäftsführung eines Asylbewerberheimes übernommen - ein Beitrag zu zivilgesellschaftlichem Engagement.

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