Politik : Zehn Jahre neue Länder: Alles blüht - entlang der Autobahnen

Hermann Rudolph

Bei der Abfahrt von der Autobahn liegt ein blassblauer Herbsthimmel über dem sanft gewellten Land, und die Dörfer heißen Isseroda, Apfelstädt und Eischleben. Dicht an dicht fahren die Wagen stadteinwärts. Der Domplatz mit dem schönen, hoch aufragenden Ensemble von Dom und Severinkirche und der großen Treppe tritt auf mit der Eindringlichkeit des berühmten Stadtbildes.

So sieht die Stadt im Reiseführer aus. So verbreiteten sie die Fernsehbilder in der Wendezeit, als hier erst die großen Demonstrationen, dann die Wahlkampfkundgebungen stattfanden. Nun weht der Duft von Rostbratwürsten über eine Budenstadt, das schwarze Köstritzer Bier fließt, und die Bühne, von der aus der Platz mit Popmusik beschallt wird, gehört dem Mitteldeutschen Rundfunk in seiner Rolle als - wie es ein Spruchband verkündet - "Heimatsender". Es ist Thüringentag in Erfurt.

Das Volks- und Landesfest findet zum fünften Male statt, seit es 1996 zum ersten Mal ausgerufen wurde. "Vorher hätte ich mich nicht getraut, so etwas durchzuführen", gesteht Ministerpräsident Bernhard Vogel. Das wieder gegründete Thüringen schien ihm dafür noch nicht gefestigt genug. Mittlerweile ist es ein normales Land geworden, was man auch daran erkennen kann, dass es sogar einen Landesorden geben wird; vor ein paar Wochen hat das entsprechende Gesetz den Landtag passiert. Der Abstand zur DDR, die mit Orden nur so um sich warf, ist groß genug, dass kein Schatten mehr auf diesen Akt fällt. Für diese Normalisierung spricht schließlich auch die Gelassenheit, mit der im vergangenen Jahr in den Behörden der Wechsel zur CDU-Alleinregierung vollzogen wurde. Vor vier Jahren hatte der Übergang von der kleinen CDU/FDP-Koalition zur großen CDU/SPD-Koalition in einigen Ministerien noch - so erinnert sich Vogel - fast zu "Erschütterungen" geführt.

Vielleicht gehört es auch zu dieser Konsolidierung, dass der Ministerpräsident mittlerweile in einem Amtssitz residiert, der Thüringen wie angemessen ist? Im Februar 1992 gewählt, hat Bernhard Vogel gerade noch die Umbruchzeit mitbekommen, in der, wie er gerne sagt, "telefonieren schwerer als regieren" war. Damals saß er im Amtszimmer des früheren Vorsitzenden des Rates des Bezirks - Besprechungstisch nach sowjetischem Vorbild vor dem Schreibtisch, verhängte Fenster, schwere DDR-Polstergarnitur. Nun regiert er Thüringen von einem prächtig restaurierten barocken Palais aus, am Rande der mittelalterlichen Erfurter Innenstadt, und die nachmittäglichen Stadtgeräusche wehen durch das geöffnete Fenster in sein Amtszimmer, während sich die Aktenberge auf dem Schreibtisch türmen.

Unversehens ist der langjährige Mainzer Ministerpräsident damit wieder auf vertrautem Boden angekommen. Denn das Haus war die Statthalterei des Mainzer Erzbistums, zu dem Erfurt viele Jahrhunderte gehörte. Ein Haus voller Geschichte ist die Staatskanzlei außerdem. Denn in seinen besten Zeiten, unter dem Regiment des geistvollen Politikers Karl Theodor von Dalberg, verkehrte hier jener, der noch heute den Ruhm Thüringens ausmacht - Goethe natürlich und die anderen Größen der Weimarer Klassik. Und hier war es auch, wo das berühmte Gespräch zwischen Napoleon und Goethe stattfand, Pflichtstoff aller Biographien des Dichters. In einem kleinen Saal, der jetzt schon für ein Abendessen eingedeckt ist, fiel das Wort, das ein Schlüsselwort für das Jahrhundert wurde: Die Politik ist das Schicksal.

Das ist ein Wort, dessen Gewicht man in Thüringen wahrhaftig nachvollziehen kann. Denn Wende und Wiedervereinigung haben das Gesicht des Landes bis in seine geopolitischen Fundamente hinein verwandelt. Das immer auf Mittellage geeichte Land, das "grüne Herz Deutschlands" - wie die bemooste Formel aus der Tiefe des deutschen Gemüts lautete -, hatte die DDR zum Grenzland gemacht. Die Wende hat es wieder in die Mitte zurückgehoben. Etwas von dem Aufatmen darüber schwingt selbst noch in dem Slogan mit, mit dem sich Thüringen heute vermarktet: "Deutschlands starke Mitte".

Doch in dem Maße, in dem die neue Lage selbstverständlich geworden ist, rückt der Akzent auf das zweite Element. In der Tat kann das kleine Thüringen, nach der Bevölkerungszahl unter den neuen Ländern erst an vierter Stelle, das höchste Wirtschaftswachstum und die geringste Arbeitslosigkeit vorweisen. Es trifft zu, dass sich das - worauf man vor allem im benachbarten Sachsen hinweist - nicht zuletzt der Grenzlage verdankt, nämlich den Pendlern nach Hessen und Bayern. Aber was ist das anderes als eine späte Entschädigung dafür, dass man in Thüringen öfter als in den anderen Ost-Ländern an die Zonen-Grenze stieß?

Die Zahlen lenken davon ab, dass Thüringen die generelle Misere der neuen Länder teilt. Da ist nicht nur die hohe Arbeitslosigkeit. Es ist das Gefälle im Land - zwischen Eisenach im Westen, das dank Opel floriert, und dem deindustrialisierten Gera im Osten; zwischen dem Süden, wo das Land an die Alt-Bundesrepublik grenzt, und dem Norden - dort elf Prozent Arbeitslosigkeit, da über 20. Kommt hinzu, dass Thüringen sich kräftig verschuldet hat, kräftiger als das sonst als Maßstab geltende Sachsen; die Kurskorrektur in der Haushaltspolitik hat die CDU-Alleinregierung nach ihrem Amtsantritt auch ausgerufen, aber bislang nicht realisiert. Ohnedies blüht der Aufschwung vorwiegend entlang der Verkehrsstrecken, vor allem der Autobahnen. Das ist auch der Grund dafür, dass der Baustopp der ICE-Strecke Nürnberg-Erfurt-Berlin den ruhigen Vogel in ganz ungewohnte Rage bringt...

Dass die Thüringer ihr Land wiederhaben wollten, stand übrigens nie in Zweifel. Bereits in dem "Brief aus Weimar", den vier unzufriedene Mitglieder der Ost-CDU im September 1989 an ihre Parteiführung sandten - unter ihnen Christine Lieberknecht, die heutige Landtagspräsidentin, und Gottfried Müller, ihr Vor-Vorgänger -, wurde die Abkehr vom "Demokratischen Zentralismus" gefordert. Die Mauer war noch nicht gefallen, da stieg die Vision des Landes schon auf.

Müller fand auch den Slogan, mit dem die gewendete CDU in die neue politische Ära startete: "Träume werden wahr - Land Thüringen". Aber im Rückblick findet er es doch erstaunlich, wie "vehement der Willen zu Thüringen hervorbrach". Der Aufbruch im Herbst 1989 und der Weg zurück verbanden sich. "Thüringen entstand aus der Frische der Revolution und dem Gefühl, etwas Neues zu machen", erinnert sich Christine Lieberknecht.

Allerdings: Unter der bürokratischen Struktur, die die DDR dem Land übergeworfen hatte, war in Thüringen das Regionale auch lebendiger geblieben als anderswo. War es die Vergangenheit des Landes mit seinen vielen Kleinstaaten? Oder seine kleinteilige Geographie? Die Mentalität der Thüringer? Jedenfalls hielt sich in den unterschiedlichen Teilen des Landes, um Jena und Weimar, in den ehemals preußischen Gebieten um Greiz, Schleiz und Lobenstein, dem Westen um Eisenach immer eine Menge Bodenständigkeit, Fest-Tradition, lokaler Eigensinn. Ganz zu schweigen von dem katholischen Eichsfeld im Nordwesten und der Region jenseits des Thüringer Waldes, wo das Land nach Franken und Hessen blickt - die "Bergrepublik Suhl", genannt nach der Bezirksstadt, kultivierte auch in der DDR ein eigenes Selbstbewusstsein. Dabei hat ein Land namens Thüringen seit dem Untergang des sagenhaften Thüringer Reiches in grauer Vorzeit bis 1919 nicht existiert, und Erfurt, bis dahin preußisch, kam sogar erst 1945 dazu. Aber ein Thüringen-Bewusstsein hat es immer gegeben.

Es ist kein Geheimnis, dass es nicht zuletzt das eifrige Streicheln dieses Landesbewusstseins ist, das Bernhard Vogel zur beherrschenden Figur der thüringischen Politik gemacht hat - ein Landesvater, wie er im Buche steht: mild im Grundton, bestimmt wo nötig. Doch verwunderlich ist es auch: Kann man Landesvater sein, wenn man kein Landeskind war? In der alten Bundesrepublik hat es so etwas in fünfzig föderalen Jahren nicht gegeben.

Es kommt hinzu, dass das Thüringen-Bild des gelernten Rheinland-Pfälzers über die üblichen Vorstellungen eines gebildeten Menschen nicht hinausging, als er begann, das Land zu regieren. Wenigstens in der "ersten Reihe" müssten "Menschen von uns" stehen, hatte Lothar de Maizière gesagt, als er begann, die DDR in die Bundesrepublik zu steuern. Die Frage, ob es auch anders gut gehen konnte, beantwortet sich vermutlich nur dadurch, dass es gut gegangen ist.

Aber was ist mit den anderen Westdeutschen, die für Thüringen Politik machen, entscheiden, verwalten? Für Thüringen gilt ja - wie für alle neuen Länder -, dass es politisch einer Schichttorte gleicht: Regierung Ost-West halb und halb, der Landtag fest in ostdeutscher Hand, in den hohen Beamten-Positionen dagegen fast durchweg Wessis. Was auch heißt: auf der einen Seite Ingenieure, Naturwissenschaftler, Pastoren, erst vor wenigen Jahren in die Politik geraten, auf der anderen Seite der administrative Sachverstand, der - was gar nicht in Zweifel zu ziehen ist - aus dem Westen gekommen ist. Musste das nicht ein Problem werden für ein Land, das seine Identität erst wieder aufbaute? Die Zeit, in der das zu Konflikten führte, sei vorbei, findet Vogel. Doch wünscht er keine Angleichung an die westdeutschen Standards, im Gegenteil: Vogel sähe es gern, wenn die ostdeutsche Mischung mit ihrer Erfahrungszufuhr aus normalen Berufen im Landtag sich fortsetzte. Und den Umstand, dass in seinem Kabinett die Wissenschaftsministerin Physikerin ist und der Sozialminister Radiologe, hält er für einen Gewinn.

Was den Thüringentag angeht, so verläuft er als Volksfest mit politischen Einsprengseln. Der Festzug bietet ein buntes Bild von Heimat- und Folkloregruppen. Die Fahnen und Wappen sind mittelalterlich bis märchenhaft. Nur die aufgestickten Jahreszahlen, die die Gründungszeit des landsmannschaftlichen Engagements anzeigen, stammen durchweg aus den neunziger Jahren. Kaum eine reicht vor die Wende zurück.

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