• Zehntausende Flüchtlinge an den Grenzen - Nachbarrepubliken befürchten eine humanitäre Katastrophe

Politik : Zehntausende Flüchtlinge an den Grenzen - Nachbarrepubliken befürchten eine humanitäre Katastrophe

Die russische Luftwaffe hat am Dienstag den sechsten Tag in Folge eine Fernsehstation in Grosny und andere Ziele in Tschetschenien bombardiert. Die Nachbarrepubliken der Region äußerten sich besorgt über eine drohende humanitäre Katastrophe im Kaukasus. Ziel der Angriffe waren nach russischen Militärangaben Kommunikationseinrichtungen und Industrieanlagen in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete, Russland habe in der Nacht zum Dienstag 15 Angriffe geflogen. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Sergei Pryganow, sprach von Hinweisen, dass tschetschenische Regierungsmitglieder die Rebellen bei der Vorbereitung neuer Anschläge in Russland unterstützten. Bisher hatte die Regierung erklärt, die Angriffe richteten sich nicht gegen die Regierung in Tschetschenien.

Tausende Bewohner flohen aus Tschetschenien in das benachbarte Inguschetien. "Wir brauchen dringend humanitäre Hilfe, weil der Winter vor der Tür steht", sagte der inguschische Präsident Ruslan Auschew. "Wir können mit dem Problem nicht alleine fertig werden." Der russische Minister Schoigu teilte mit, es sei zu früh, um von einer Flüchtlingskatastrophe zu sprechen. "Die Regierung wird eine Katastrophe nicht zulassen", sagte er. 40 Tonnen Hilfsgüter sollen bald nach Inguschetien gebracht werden. Die Republik hatte ihre Grenzen zeitweise geschlossen, aber am Montag und Dienstag wieder für Flüchtlinge geöffnet.

"Die Bomben fallen überall", berichten unterdessen Flüchtlinge aus Grosny. "Wir sind es, die getroffen werden, nicht die Terroristen." Viele Frauen und Kinder haben bereits die Nacht im Freien verbracht und warten, bis man sie über die Grenze lässt. Sie alle sind vor den russischen Bombenangriffen geflohen, die seit sechs Tagen auf Grosny und benachbarte Orte niedergehen. Und die Zahl der Flüchtlinge wächst ständig. "Seit dem Beginn der Bombardements auf Grosny am vergangenen Donnerstag sind schon Tausende Menschen hier nach Asinowskaja gekommen, um in Inguschetien Schutz zu suchen", schildert der Polizist Achmet.

Der inguschetische Präsident Ruslan Auschew schätzte die Zahl der Tschetschenen, die bereits in der Republik Zuflucht suchten, auf 60 000, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf 50 000. Das russische Katastrophenschutzministerium spricht - offiziell - von etwa 15 000 Flüchtlingen.

Viele Tschetschenen sind mit dem Auto ins Grenzgebiet nach Asinowskaja gefahren. Die Hoffnung, ihren Wagen mit über die Grenze nehmen zu dürfen, wird jedoch enttäuscht. Die russische Armee, die die weniger als 50 Kilometer von Grosny entfernte Grenzstation bewacht, verbietet die Einreise per Auto. Flüchtlinge dürfen die Grenze nur zu Fuß überqueren. Die Soldaten haben Gräben ausgehoben, gepanzerte Wagen sind postiert. Die inguschetischen Behörden haben kaum die Mittel, um den vielen Flüchtlingen zu helfen. Sie schicken lediglich Brot und einige Nahrungsmittel an die Grenze. Dagegen ist die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung sehr groß.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar