Zehnter Jahrestag: 11. September 2001 : Der amerikanische Weg

In New York haben die Gedenkfeierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 begonnen. Wie haben sich die Vereinigten Staaten in den vergangenen zehn Jahren verändert? Und wie hat sich das Bild von Amerika in der Welt gewandelt?

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In New York und weltweit wird am Sonntag an die Opfer des 11. Septembers 2001 gedacht. Am Ort der Angriffe umarmten sich am Sonntag Angehörige der Opfer.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
11.09.2011 14:23In New York und weltweit wird am Sonntag an die Opfer des 11. Septembers 2001 gedacht. Am Ort der Angriffe umarmten sich am...

Wo ist das Gefühl der grenzenlosen Freiheit geblieben? An vielen Orten in den Vereinigten Staaten von Amerika sind seit jenem Schicksalstag im September 2001 die Sicherheitszäune emporgewachsen. Selbst wer nur in die Gemäldegalerie in Washington oder New York möchte, muss seine Taschen durchwühlen lassen und durch einen Metalldetektor gehen. Ausländische Touristen fühlen sich schon bei der Einreise unangenehm berührt. Sie müssen am Flughafen ihre Fingerabdrücke abgeben und ein Digitalfoto in den staatlichen Datenbanken hinterlassen. Amerika ist nicht mehr, was es war, seufzen viele Besucher von New York, Washington, Los Angeles und anderen Metropolen.

Mit gleichem Recht darf man freilich das Gegenteil behaupten: Der Alltag der meisten Amerikaner hat sich durch den Terroranschlag vor zehn Jahren nicht nachhaltig verändert. Die Mehrheit der 310 Millionen Einwohner lebt in Kleinstädten oder auf dem Land. Dort sind die Antiterrormaßnahmen nicht spürbar. Die Bürger glauben nicht, dass ausgerechnet ihre Telefonate und E-Mails überwacht werden. Ihre Namen rutschen nicht auf No-Fly-Listen, die sie am Fliegen hindern. Sie haben auch keine Angehörigen in Guantanamo.

Selbst der Einfluss eines außergewöhnlichen historischen Einschnitts auf den Alltag der Menschen ist am Ende relativ. Die Deutschen haben das am Beispiel des Mauerfalls gelernt. Für die Menschen im Osten änderte sich in den Folgejahren alles. Für die Bürger, die im behüteten Westen leben, weder Verwandte in den neuen Ländern haben noch dorthin fahren, beschränken sich die Folgen dieser unerhörten Begebenheit zumeist darauf, dass sie den Solidaritätszuschlag zahlen.

Ähnliches gilt für die Auswirkungen des Terroranschlags von 9/11 auf das Leben in den USA. Für die Angehörigen der rund 3000 Toten ist nichts mehr, wie es war. Ebenso für die Feuerwehrleute und Polizisten, die die vergiftete Luft nahe den noch Wochen schwelenden Trümmerfeldern einatmeten, und natürlich auch für die US-Berufssoldaten. Viele von ihnen waren in den Jahren nach dem raschen Sieg im ersten Golfkrieg 1991 zur Befreiung Kuwaits in die Armee eingetreten und hatten sich auf eine friedliche Epoche unangefochtener „Pax Americana“ eingerichtet. Doch dann mussten sie in raschen Intervallen in hochgefährliche Einsätze in Afghanistan und im Irak ziehen. Nicht wenige von ihnen sind gefallen, viele wurden verwundet und leiden bis heute.

Ground Zero
Was wird aus Ground Zero? Wo ein riesiges Loch klaffte, erwacht neues Leben, wachsen neue Wolkenkratzer in den Himmel.Alle Bilder anzeigen
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11.09.2010 09:46Was wird aus Ground Zero? Wo ein riesiges Loch klaffte, erwacht neues Leben, wachsen neue Wolkenkratzer in den Himmel.

Amerika hat durch 9/11 viel von seiner Unbeschwertheit verloren. Die Menschen leben im Gefühl, der nächste Anschlag komme bestimmt; es sei nur eine Frage der Zeit. Aber sie haben gelernt, mit der Bedrohung umzugehen. Militärobjekte und Forschungsinstitute werden heute schärfer geschützt. Früher durfte jeder das Gelände des National Institutes of Health am nördlichen Stadtrand von Washington betreten. Dort wird unter anderem an gefährlichen Viren geforscht. Vor 2001 konnten sich die vielen tausend Angestellten mittags bei fliegenden Händlern mit Lebensmitteln versorgen. Das ist vorbei. Besucher haben weiter Zutritt, darunter Patienten aus allen Landesteilen, die an seltenen oder schwerwiegenden Krankheiten leiden. Sie müssen sich nun ausweisen, ihre Autos werden auf Sprengstoff untersucht.

Doch fern der Hauptstadt Washington und des Finanzzentrums Manhattan leben die Bürger im Grunde wie eh und je. Selbst in vielen Hauptstädten der 50 Bundesstaaten hat sich wenig geändert. Das Capitol in Concord, der Hauptstadt New Hampshires, kann man weiterhin ohne Kontrolle betreten. Der Neuenglandstaat ist generell eine trotzige Bastion der Bürgerfreiheiten. „Live free or die“, steht als Wahlspruch auf den Autokennzeichen. Auch in Cheyenne, Wyoming, ist man stolz darauf, dass die Tür zum Amtszimmer des Gouverneurs offen steht. Wer nicht nur New York und Washington, Los Angeles und San Francisco besucht, sondern sich in die Weiten der USA aufmacht, nach Montana und North Dakota, nach Iowa und Missouri, nach Arizona und Texas, der wird vom Einfluss der Terrorangriffe am 11. September 2001 wenig spüren. Joe Average, der Durchschnittsamerikaner, fühlt sich von der Verschärfung der Sicherheitsgesetze, der Einschränkung der Bürgerrechte und der Praxis der Terrorabwehr persönlich nicht sonderlich betroffen.

Lesen Sie auf der kommenden Seite, wie die Amerikaner auf die Terrorbekämpfung der letzten zehn Jahre zurückblicken.

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