Politik : Zehnter Jahrestag des Golfkriegs: Offene Rechnungen

Malte Lehming

Ein Mann von Welt ist er nicht gerade. Seine Auslandsreisen lassen sich an einer Hand abzählen. Von denen wiederum führten ihn die meisten bloß bis nach Mexiko, ins Nachbarland des texanischen Ex-Gouverneurs, der in wenigen Tagen der 43. US-Präsident sein wird. Auch im Wahlkampf hat er Fragen zur Außenpolitik nur ungern und wenn, dann möglichst knapp beantwortet. Denn George W. Bush muss auf diesem Gebiet noch einiges lernen.

Um so überraschter waren die vereinigten Generalstabschefs am vergangenen Mittwoch, nachdem Bush mit seiner ersten Polit-Garde zu einer Top-Secret-Sitzung zu ihnen ins Pentagon gekommen war. Im Schlepptau hatte er seinen künftigen Vizepräsidenten Dick Cheney, Außenminister Colin Powell, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Condoleezza Rice, seine Sicherheitsberaterin. Beachtlich lange, ungefähr die Hälfte der 75-minütigen Sitzung, diskutierte die Runde ausschließlich über den Irak, erzählten zwei Teilnehmer. Bush habe sich ausführlich über Saddam Hussein erkundigt und nach Alliierten in der Region geforscht. "Der Irak spukt ihm ziemlich im Kopf herum", wurde eine andere Pentagon-Quelle von der "New York Times" zitiert. Der Balkan, Korea, Kuba oder China kamen erst in der zweiten Sitzungshälfte zur Sprache.

Zum zehnten Jahrestag des Golfkriegs steht Amerika vor einem Rätsel: Wie konnte es passieren, dass wir Saddam Hussein glorreich und vernichtend geschlagen haben, der Diktator selbst aber noch im Amt ist? Die Bomben von Vater Bush sind an ihm abgeprallt, über Clintons Sanktionen hat er sich hinweggesetzt. Das schmälert den Triumph, und das beeinträchtigt die Verfassung des Sohnes. Einen genauen Plan hat George W. Bush zwar noch nicht. Als sicher gilt aber, dass er an den Sanktionen nicht nur strikt festhalten will, sondern versuchen wird, sie zu verstärken. Auch werden Stimmen lauter, die Waffenlieferungen an Iraks Opposition befürworten. Kurden im Norden und Schiiten im Süden müssten Saddam endlich in die Zange nehmen, heißt es.

Selbst Colin Powell, der Zurückhaltende, ist wieder einmal umgeschwenkt. Während des Golfkriegs war Powell der Generalstabschef der amerikanischen Streitkräfte. Ursprünglich war er gegen die US-Intervention, dann wurde er ein Kriegsheld. Wenige Jahre später kritisierte er jedoch die Sanktionspolitik, durch die, wie er schrieb, allein die Zivilbevölkerung zu leiden habe. Jetzt, als kommender Außenminister, hat sich Powell erneut gewandelt. "Gemeinsam mit unseren Alliierten müssen wir alles tun, um die Sanktionen wieder voll wirken zu lassen", sagte er kurz nach seiner Nominierung.

Fast jeder im Bush-Team hat mit Saddam Hussein eine Rechnung zu begleichen: Bush wegen seines Vaters, dann Cheney, der damals Verteidigungsminister war, sowie Powell, der Ex-Generalstabschef. Allein Rumsfeld, die neue Nummer eins im Pentagon, scheint von der Sache unbeleckt zu sein. Doch am vergangenen Donnerstag gab Bush seine Nominierung für die neue Nummer zwei im Verteidigungsministerium bekannt: Auch Paul Wolfowitz, der während des Golfkriegs Politik-Chef im Pentagon war, gilt als Verfechter einer harten Linie gegen den Irak. Zehn Jahre später will offenbar eine neue amerikanische Regierung einen Krieg gewinnen, den viele, die dieser Regierung angehören, einst begonnen hatten.

Selbst Bill Clinton konnte sich dem altneuen Thema nicht mehr entziehen. Zur Verwunderung seiner Sicherheitsberater, die schleunigst zurückruderten, sagte der scheidende Präsident dem Radiosender CBS, es gebe Indizien dafür, dass Scott Speicher noch am Leben sei. Scott Speicher war angeblich der erste US-Tote des Golfkriegs. Unter mysteriösen Umständen war seine F-18 am 17. Januar 1991 abgeschosssen worden. Zwar wurden zwei Explosionen beobachtet, aber das Wrack und der tote Pilot nie gefunden. Was für Indizien er habe, konnte Bill Clinton nicht sagen. Vorsorglich hat das State Department allerdings eine diplomatische Note nach Bagdad gesandt und die US-Armee den Status von Scott Speicher geändert. Statt "killed in action" steht hinter seinem Namen nun "missing in action".

0 Kommentare

Neuester Kommentar