Politik : Zeigen der Zeit

Von Bernhard Schulz

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Japan hat einiges hinter sich – zum einen ein „verlorenes Jahrzehnt“, wie die Jahre der immer noch nicht recht überwundenen wirtschaftlichen Stagnation genannt werden. Zum anderen aber auch eine ferne Vergangenheit des Einklangs von Mensch und Natur, der aller fernöstlichen Philosophie so wichtig ist. Da ist in den Jahrzehnten des ungehemmten Wirtschaftswachstums viel verloren gegangen, auf das sich das Land mit einem Mal wieder besinnt. Und mitten in diese Phase von Selbstzweifel und Neuorientierung – die verstärkt wird von der Neujustierung der außenpolitischen Koordinaten – fällt die Expo 2005, die Weltausstellung in der Präfektur Aichi.

Das Ausstellungsgelände liegt zwar ganz in der Nähe der Metropole des Automobilbauers Nagoya, aber doch idyllisch zwischen grünen Hügeln. Da passt das Motto dieser Expo, „Die Weisheit der Natur“, natürlich prächtig. Aber es hat etwas vom Pfeifen im dunklen Wald. Denn nicht mehr die strahlende Präsentation technischer Neuerungen allein bestimmt diese Expo, mögen auch allerlei putzige Haus und Spielzeugroboter die erklärten Lieblinge des überwiegend einheimischen Publikums sein. Und überhaupt: Um mit Zukunftstechnik unterhalten zu werden, bedarf es keiner Weltausstellung mehr; das ist in einer Zeit immer kürzerer Umschlagzeiten zumal für elektronische Neuerungen quasi um die Ecke in jedem Einkaufszentrum zu haben.

Doch hat Japan – nicht zuletzt auf Drängen der Automobilindustrie – das Wagnis einer Expo geschultert, so wie Deutschland es vor fünf Jahren in Hannover exerziert hat. Der Antrieb ist in beiden Fällen gleich: Das Gastland als innovativ und zukunftsorientiert zu präsentieren, als dynamisch und letztlich sorgenfrei. Die Sorgen lassen sich mit ein paar Monaten Expo-Freizeitpark dann doch nicht besänftigen, wie das Beispiel Hannover gezeigt hat. Aichi wird es kaum anders ergehen. Erheblich zugenommen hat in Japan die Sorge um die Umwelt; jetzt, da auch der zweitstärksten Industriemacht der Welt immer mehr Industrien und Arbeitsplätze in Richtung der billigeren Newcomer abhanden kommen.

Bundespräsident Köhler hat dieser Tage auf seiner Stippvisite zur Eröffnung des Deutschland-Jahres in Japan etliches sehen und erfahren können, das ihm aus der heimischen Wirtschaft bekannt vorgekommen sein muss. Es gibt bemerkenswerte Parallelen zwischen den beiden Ländern, so weit sie auch auseinander liegen. Es gibt allerdings, der deutschen Verzagtheit sei’s entgegengehalten, Entwicklungen, die hier zu Lande früher und schärfer erkannt worden sind als in dem so lange Zeit ob seiner schier grenzenlosen Dynamik bewunderten Japan. Der Umweltschutz – lange als Öko-Spinnerei abgetan –, der Umgang mit den endlichen Ressourcen von Natur und Landschaft gehören dazu. Die japanische Expo hat bereits in ihrer Planungsphase einem erwachenden Umweltbewusstsein Tribut zollen müssen, als ihre Fläche deutlich verkleinert wurde und zudem der nahezu vollständige Rückbau versprochen werden musste. Die Expo 2005 ist buchstäblich recycelbar, eine Art gigantisches Containerdorf. Dass Deutschland in seinem Pavillon nicht entschiedener mit seiner mittlerweile erreichten Umwelttechnik wirbt, mit seiner nolens volens post-industriellen Zukunftsorientierung, ist darum doppelt schade.

Heutzutage muss eine Weltausstellung weniger eine technisch-industrielle Leistungsschau sein als vielmehr ein sensibles Zeitbarometer. Die japanische Expo fällt in eine Zeit des für das Gastland schmerzlichen Umbruchs. Deutschland hat davon schon einiges hinter sich. Insofern besteht Grund zu jenem Optimismus, wie ihn der Bundespräsident in Japan beharrlich verbreitet hat: das Tal zwar noch nicht durchschritten zu haben, aber zumindest auf dem richtigen Weg zu sein. Der ist noch lang. Und den Spaß einer Expo mag man sich gelegentlich gönnen. Fingerzeige für eine von neuer Technik erfüllte Zukunft gibt sie kaum mehr. Aber das Bewusstsein schärfen kann sie für die Frage, wo wir heute stehen und wo wir morgen hinwollen.

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