Politik : Zeigt Breker!

Von Bernhard Schulz

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Als vor über zwanzig Jahren eine West-Berliner Galerie eine Ausstellung mit Skulpturen Arno Brekers zeigen wollte, gab es die erwarteten Reaktionen. Flugblätter, Aufrufe, Straßenaufläufe: Im Protest ging das frivole Vorhaben unter. Breker in der ehemaligen Reichshauptstadt zu zeigen, musste als Provokation empfunden werden.

Nun ist es das vergleichsweise abgelegene Schwerin, wo in Kürze in einer immerhin kommunalen Einrichtung die erste öffentliche Einzelausstellung Brekers seit Kriegsende gezeigt werden soll, mit 70 Werken aus dem von der Witwe des 1991 verstorbenen Bildhauers gehüteten Nachlass. Und wieder greifen die alten Muster: Klaus Staeck, seit kurzem Präsident der Berliner Akademie der Künste, zog eine eigene, für Schwerin 2007 angebotene Ausstellung sofort zurück. Es bestünde die Gefahr, sagt Staeck, dass in Schwerin „an der Rehabilitation Brekers gearbeitet“ werde. Doch die Linke ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Nobelpreisträger Günter Grass, der vor wenigen Jahren mit der Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten ein lang gehegtes Tabu gebrochen hatte, befürwortet die Schweriner Ausstellung. Wenn sie das gesamte Schaffen Brekers dokumentiere, könne sie seine Verführbarkeit zeigen und insofern aufklären. Und dann sagt Grass, selbst gelernter Bildhauer, noch etwas ganz Wichtiges: Brekers Arbeiten zumindest bis 1936 unterschieden sich in ihrer künstlerischen Qualität nicht von denen anderer konservativer Bildhauer jener Zeit.

Das genau ist der Scheidepunkt. Darf man Arno Breker heute als Künstler wahrnehmen, oder steht seine enge Verstrickung ins NS-Regime weiterhin allein im Vordergrund? Gewiss war Breker der Lieblingsbildhauer Hitlers. Seine beiden Monumentalskulpturen der „Partei“ und der „Wehrmacht“, kraftstrotzende Jünglinge im Überformat, im Ehrenhof der Neuen Reichskanzlei von 1939 zeugen davon. Breker genoss die Privilegien, die der „Führer“ ihm gewährte, vom Großatelier im Grunewald über die eigenen Werkstätten im Brandenburgischen bis zum unvorstellbaren Jahresgehalt von einer Million Reichsmark. Was er dem Regime lieferte, war tatsächlich jene „nationalsozialistische Kunst“, nach der sich die Größen des Naziregimes so sehr und meist vergeblich sehnten.

Man darf diese Arbeiten als bestenfalls abstoßend, schlimmstenfalls auch als, wie Staeck, „Dekoration der Barbarei“ empfinden. Darf man aber deshalb das Gesamtwerk eines Mannes ignorieren, der bis 1934 sieben Jahre in Paris gearbeitet hatte und einem Jean Cocteau 1928 als „größte Zukunftshoffnung“ seiner Zunft galt, ja, den der greise Aristide Maiolle 1942 – nach Brekers Einzelausstellung in Paris – als „deutschen Michelangelo des 20 Jahrhunderts“ feierte?

Zudem ging Brekers Biografie nicht mit seinen NS-Werken 1945 zu Ende. Eine bemerkenswerte Kontinuität spannt sich bis zu seinem Tode 1991, da er neben zahllosen rheinischen Vorstandsvorsitzenden selbst Bundeskanzler Adenauer porträtierte. In den Jahrzehnten ist in Deutschland unendlich viel passiert, was die lange verschleppte Aufarbeitung der NS-Zeit anlangt. Wir sind heute imstande, das Nazi-Regime als das schwarze Loch, aber doch auch als Teil einer viel weiterreichenden deutschen Geschichte zu begreifen, wie das vor zehn Wochen erst eröffnete Deutsche Historische Museum eindrucksvoll vorführt. Nicht zuletzt die Fußball-WM mit ihrem partyfröhlichen Patriotismus hat gezeigt, dass wir unser Land heute anders wahrnehmen können denn als ewige Schlangengrube, in die hineinzublicken nur Unheil erzeugt.

Wir müssen nichts mehr verschweigen, müssen aber auch nichts mehr tabuisieren. Die Vorstellung, Brekers Skulpturen könnten irgendeinen Betrachter zum Nazi machen, wirkt nur mehr grotesk. Sein Werk zu zeigen, es zu diskutieren und am Ende darüber auch den Kopf zu schütteln, diese Gelassenheit dürfen wir nicht nur, wir müssen sie uns gestatten.

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