Politik : Zeit der Antworten

Von Gerd Appenzeller

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Na klar. Auch drei Monate vor einer Bundestagswahl lässt sich ein evangelischer Kirchentag nicht so leicht instrumentalisieren. Kirchentage sind keine Wahlkampfveranstaltung, Politik und Religion muss man überhaupt sorgfältig trennen. Punktum. Das sehen wir gerade in Berlin, wo der erste Platz Wolfgang Thierses auf der SPD Landesliste für die vorgezogene Wahl akut gefährdet ist. Grund: Der Bundestagspräsident als Kämpfer für Religionsunterricht an unseren Schulen hatte sich gegen Klaus Wowereit positioniert. So viel zum Thema Blauäugigkeit.

Natürlich sind Religion und Politik, Kirche und Staat, nicht voneinander zu trennen. Dagegen ist nicht viel zu sagen, solange die Unabhängigkeit des Staates gewahrt bleibt. Viele Staatsbürger sind eben auch Mitglieder von – in Deutschland vorwiegend christlichen – Glaubensgemeinschaften. In der Bundesrepublik ist auch nicht zu erkennen, was diese staatliche Souveränität gefährdet, obwohl gerade in Berlin oft, fern der Realität, der Eindruck erweckt wird, hier müssten mutige, rationale Menschen dem Geist kirchlicher Intoleranz und Bevormundung entgegentreten.

Kirche wäre selbst dann politisch, wenn sie sich nur auf die Verkündung des Glaubens beschränkte. Christliche Grundforderungen wie Nächstenliebe (das nämlich heißt Caritas), Barmherzigkeit oder Friedfertigkeit haben die Kirchen von jeher in Konflikt zu Diktaturen gebracht. Und wenn im Sozialwort beider großen Kirchen von 1997 zu lesen ist, sie träten für „Solidarität und Gerechtigkeit als entscheidende Maßstäbe einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialpolitik“ ein, zeigt sich selbst in der liberalen Demokratie, wie schnell die Kirchen in Gegenpositionen zur praktizierten Politik geraten können.

Dabei sind die evangelischen Kirchen, auch wenn ihre Repräsentanten dies wohl bestreiten würden, beim Einfordern sozialer Gerechtigkeit weltweit zumindest in einen gefühlten, wenn nicht auch faktischen Rückstand gegenüber dem Katholizismus geraten. Johannes Paul II. hat durch seine Reisen und dank seines Charismas die Vision der Weltkirche lebendiger denn je gemacht. Die evangelische Kirche in ihrer traditionellen Rationalität steht der Begeisterungsfähigkeit und Eindringlichkeit des Katholizismus ein wenig ratlos gegenüber – und wird vermutlich noch stiller sein, wenn dem deutschen Papst Benedikt XVI. in Köln beim Weltjugendtreffen ein emphatischer Empfang bereitet werden wird.

Den Protestanten ist das Dilemma zwischen der Sehnsucht nach dem Spirituellen und den Alltagssorgen durchaus bewusst. Diese Kirche ist eben ganz von dieser Welt und steht doch für eine andere. Der Spagat droht sie zu zerreißen. Wie kann man glaubwürdig gegen die Entmündigung durch die Folgen der Globalisierung protestieren und selbst Personal entlassen, weil die Kirchensteuereinnahmen zurückgehen? Wie kann man auf kritischer Distanz zum Staat bestehen und sich gleichzeitig seiner Strukturen bedienen? All das fragen uns ja auch unsere Kinder – und die Fragen der Kinder nach Gut und Böse, nach Krieg und Frieden, nach Gott selbst haben die Organisatoren ja als Motto über diesen Kirchentag gestellt. So wie die ganze Gesellschaft blicken auch die Kirchen auf bequemere Zeiten zurück. Die Wirklichkeit hat sie, hat uns eingeholt. Anders als vor der Aufklärung schicken sich die Menschen heute nicht mehr mit einem Gebet in ihr Schicksal. Sie wollen Antworten. Auch, gerade von den Kirchen.

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