Politik : Zeit der Einkehr

Andrea Nüsse

Die Bewohner der Fidschi-Inseln haben am Freitagmorgen um 5 Uhr 55 Ortszeit als erste Muslime der Welt mit dem Ramadan begonnen. In den meisten arabischen Ländern begann der Ramadan ebenfalls am Freitag. In Marokko und Oman, am westlichen und östlichen Ende der arabischen Welt, wird der erste Tag des Ramadan hingegen erst am Sonnabend begangen.

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In Indonesien streiten sich die Regierung und verschiedene religiöse Gruppen über den genauen Beginn des heiligen Fastenmonats, den neunten Monat des islamischen Kalenders, in dem Gott dem Propheten Mohammed den Koran enthüllt haben soll. Am späten Donnerstag hatte die Regierung in Jakarta erklärt, die Fastenzeit beginne erst am Sonnabend, weil noch kein Neumond gesichtet worden sei. Der Beginn des Ramadan wird durch Sichtung des Neumonds oder durch astrologische Berechnungen bestimmt. Die zweitgrößte muslimische Gruppe des asiatischen Landes, die Muhammadiyah, hatte den Beginn nach ihren astrologischen Berechnungen auf Freitag festgelegt.

Während über den exakten Beginn des Ramadan meist gestritten wird und er nicht in allen muslimischen Ländern gleichzeitig beginnt, herrscht ansonsten Einigkeit über die Regeln: Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang wird gefastet. Es darf nicht getrunken, nicht geraucht, nicht gegessen werden, und Sex ist verboten. Das Befolgen dieser Regeln ist eine der fünf Säulen des Islam. Entsprechend ist der Ramadan eine Zeit großer Religiösität, in der zahlreiche Muslime eine kleine Pilgerfahrt nach Mekka machen. Es wird viel gebetet und aus dem Koran gelesen, und das Sammeln von Almosen hat in diesen Wochen Hochkonjunktur: In diesem Jahr sind diese Spenden fast ausschließlich für die Menschen in Afghanistan bestimmt.

Demonstrativ richtete US-Präsident George W. Bush zum Beginn des Fastenmonats eine Grußbotschaft an die Moslems in aller Welt. Der Islam lehre Wohltätigkeit, Gnade und Frieden, betonte Bush. Viele islamische Gelehrte und Politiker haben davor gewarnt, dass die Fortsetzung des amerikanischen Luftkrieges gegen Afghanistan während des heiligen Fastenmonats die Muslime weltweit weiter erzürnen könnte. Dabei ist das Führen eines Krieges während des Ramadan gar nicht verboten. Krieger sind sogar von der Pflicht des Fastens ausgenommen. So hat Mohammed selbst im Jahre 632 seinen Angriff auf Mekka gestartet und die Stadt im Fastenmonat erobert. Dennoch dürften Bilder von verletzten Zivilisten in Afghanistan während des Ramadan die Gemüter noch stärker aufwühlen und die Islamisten weiter radikalisieren.

Der Vorsitzende der jordanischen Islamischen Aktions-Front, Abdul Latif Arabiyat, bezeichnete es als eine "Provokation", sollten die USA die Bombenangriffe auf Afghanistan während des Ramadan fortsetzen: Meinten die USA es ehrlich mit ihren Versicherungen, dieser Krieg richte sich nicht gegen den Islam, müssten sie ihn im Ramadan unterbrechen. Diese Ansicht teilt sicher die Mehrheit der Islamisten in der muslimischen Welt.

Doch auch der jordanische Soziologe Serri Nasser fürchtet, dass die anti-amerikanischen Gefühle vieler Muslime sich während des Ramadan verstärken und es vereinzelt sogar zu Angriffen auf amerikanische Ziele kommen könnte. Er erinnert daran, dass fastende Menschen aufgrund dieser körperlichen Anstrengung oft leichter erregbar sind und dies in die Überlegungen mit einbezogen werden sollte. Daher ist es sicher eine glückliche Fügung, dass die überraschend schnellen Siege der oppositionellen Nordallianz in den vergangenen Tagen zumindest eine Einschränkung der amerikanischen Bombardierungen Afghanistans zur Folge haben - pünktlich zum Beginn des Fastenmonats Ramadan.

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