Politik : Zeit der Eselshüte

Chinas KP schweigt zur Kulturrevolution

Harald Maass[Peking]

Vor 40 Jahren begann die „Große Proletarische Kulturrevolution“, eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Volksrepublik China. Millionen Intellektuelle wurden verfolgt, Tausende umgebracht oder in den Selbstmord getrieben. Aus Angst vor einer Ideologiedebatte verhindert Pekings KP-Führung bis heute eine Aufarbeitung der Geschichte. Die Staatsmedien durften über den Jahrestag der Kulturrevolution, in China oft auch „die verlorenen zehn Jahre“ genannt, in dieser Woche nicht berichten. Offizielle Gedenkveranstaltungen seien verboten worden, hieß es in Regierungskreisen. Berichten zufolgen drängten die Behörden zudem Akademiker und Intellektuelle, keine privaten Diskussionsveranstaltungen zu organisieren.

1966 rief Mao Zedong Chinas radikalisierte Jugend auf, gegen „Revisionisten“ vorzugehen. Kurz darauf organisierten sich an der Pekinger Universität die Rotgardisten. Mit dem Aufstand wollte Mao die absolute Macht zurückerobern, die er nach der katastrophalen Kampagne für den „Großen Sprung“ in den 50er Jahren verloren hatte. Doch die Bewegung geriet bald aus dem Ruder. 1967 übernahmen die Rotgardisten in Schanghai und anderen Städten die Macht. Präsident Liu Shaoqi wurde öffentlich gedemütigt und musste zurücktreten. Die Rotgardisten verfolgten wahllos Intellektuelle, Akademiker und andere vermeintliche „kapitalistische Hunde“, denen sie Eselshüte aufsetzten und die sie zur öffentlichen Schmach durch die Straßen trieben. 1969 gelang es der Volksbefreiungsarmee, zumindest teilweise wieder Ordnung herzustellen. Doch erst mit Maos Tod 1976 beruhigte sich das Land.

Die Kommunistische Partei gestand zwar „schwere Fehler“ ein. Eine „Viererbande“, zu der Maos Ehefrau Jiang Qing gehörte, wurde zu Hauptschuldigen erklärt und abgeurteilt. Eine Aufarbeitung der Verbrechen fand jedoch nicht statt. In Schulbüchern wird die Kulturrevolution nur kurz erwähnt, ohne dass dabei Personenkult und Fanatismus erklärt werden. „Die Glaubwürdigkeit der Partei liegt bis heute in der Legende um Mao“, erklärt ein Akademiker. Am Ansehen Maos, dessen Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens steht, darf nicht gekratzt werden. Daher wissen viele Chinesen kaum etwas über die Kulturrevolution. „Wenn es jungen Leuten an Wissen darüber mangelt, kann ein so ein extremes Verhalten wieder passieren“, warnt der Geschichtsprofessor Yin Hongbiao.

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