Politik : Zeit der Geigerzähler

Von Lorenz Maroldt

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Jede Zeit hat ihre Angst. In den vergangenen zehn Jahren hat uns der Klimawandel zu schaffen gemacht, jeden falls die Furcht davor. Der Hollywoodfilm zum Gefühl hieß „The Day After Tomorrow“; New York ertrinkt, dann kommt die neue Eiszeit. Aber alles in allem gut auszuhalten, so aus der Ferne. Kohlendioxidfreie Zonen wurden, soweit bekannt, nicht ausgerufen. Das war in den achtziger Jahren anders. Die Angst galt dem Atom. Als der Regisseur Nicholas Meyer 1983 in seinem Film „The Day After“ eine sowjetische Rakete in Kansas einschlagen lässt, die den Ort Lawrence im Bruchteil von Sekunden vernichtet und die Gegend verseucht, so dass Überlebende den erlösenden Tod erflehen, stehen vor den Kinos am Kurfürstendamm Psychologen bereit, um geschockte Besucher zu betreuen. So hatte man es ja kommen sehen: Das „Gleichgewicht des Schreckens“, also die ständige Nachrüstung, würde früher oder später zur atomaren Vernichtung der Menschheit führen. Zumal, wenn der amerikanische Präsident verrückt genug ist, bei einer Mikrofonprobe den Russen augenzwinkernd den Krieg zu erklären: „The bombing begins in five minutes!“

Tschernobyl kam bald dazu. Mütter sperrten ihre Kinder aus Angst vor verseuchtem Regen tagelang ein, Väter ließen Geigerzähler in Sandkisten und an Schuhsohlen klackern, Ökofreaks deckten sich in Billigmärkten mit Konserven ein. Die Währung war Becquerel. Jetzt erst recht wurde jeder Küchentisch zur atom(waffen)freien Zone erklärt.

Heute ist die Erregung von damals manchem eher peinlich, wie dem Kölner „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk, der seinem Kollegen Max Ballauf gesteht: Ja, auch ich war dabei, Hofgarten Bonn, Friedensdemo gegen den Nato-Doppelbeschluss. Eben eine andere Zeit.

Wirklich? Eher ist es doch so: Unsichtbar wie die todbringenden radioaktiven Strahlen ist im Laufe der Zeit auch die Gefahr selbst geworden. Ende des Kalten Krieges, Atomwaffensperrvertrag, Abrüstung, keine großen Reaktorunfälle, Laufzeiten begrenzt – alles Beruhigungspillen. Die atomfreien neunziger Jahre – eine Illusion. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde warnt seit einigen Jahren, die Gefahr eines Kernwaffenkrieges sei nie so groß gewesen wie heute. Pakistan und Indien besitzen Atomwaffen, aber haben den Sperrvertrag nicht unterzeichnet; wie Israel auch. Und bald der Iran? Nordkorea? Deutschland besitzt keine Bomben, aber sitzt auf welchen. Mindestens 130 davon haben die Amerikaner hier stehen. Frankreich, dessen Präsident gerade „Terrorstaaten“ mit Atombomben droht, hat 165 Sprengköpfe in ständiger Einsatzbereitschaft, Russlands lupenreiner Demokrat Putin sechstausend, mindestens. Die USA verfügen über zehntausend.

Mag sein, dass sich damals, in den achtziger Jahren, ein atomarer Fatalzynismus über alles gelegt hat. Was die Vorstellungskraft übersteigt und sich dem eigenen Handeln entzieht, macht wahnsinnig – oder schreit nach Zerstreuung. Mag sein, dass heute mancher dabei zufällig auf Dan Browns Roman „Diabolus“ stößt. Um Kryptologie geht es dort, und doch können am Ende die Guten unsere bedrohte Welt nur deswegen retten, weil sie den feinen Unterschied kennen zwischen den Bomben, die Hiroshima und Nagasaki im Strahlensturm verbrennen ließen. Auf eine derart profunde Kenntnis vom Kern kommt es im richtigen Leben nicht an. Aber die Rückkehr der Atomkraft, sei es als Werk oder Waffe, die ist keine Fiktion.

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