Politik : Zeitenwende im Orient

Die Presse in Nahost verurteilt den Kriegsbeginn – und fragt sich, ob die arabische Welt daran eine Mitschuld hat

Andrea Nüsse[Amman]

Die arabische Presse hat am Freitag größtenteils den Angriff der amerikanischen und britischen Armee auf den Irak verurteilt. Gleichzeitig stellen jedoch viele Kommentatoren selbstkritisch die Frage, wie es zu der anstehenden ausländischen Besetzung des arabischen Landes kommen konnte. Und sie schauen nach vorn, indem die fordern, die arabische Welt müsse sich Gedanken machen, wie sie auf die „Neuordnung“ ihrer Region Einfluss nehmen will.

Die libanesische Tageszeitung „An-Nahar“ war eine der wenigen Zeitungen, die schon in ihrer Donnerstagsausgabe über den nächtlichen Kriegsbeginn gegen den Irak berichtete. „Krieg gegen den Irak. Die arabische Welt weiß nicht, was sie erwartet“, lautete die Schlagzeile. Chefredakteur Jibran Tueni forderte die Leser auf, angesichts der neuen Realität sich nicht weiter im Widerstand gegen den Krieg zu verbeißen und die „verschüttete Milch zu beklagen“. Jetzt sei die Zeit gekommen, „uns klar zu machen, wie wir uns die Zukunft unserer Länder vorstellen.“ Damit gab Tueni den Ton vor, der in vielen Zeitungen am Freitag vorherrschte.

Der Kolumnist Ali Hamadeh schreibt in der gleichen Zeitung, dass der arabischen Welt eine „neue Ära ausländischer Besatzung“ bevorsteht, nachdem sie es nicht geschafft hat, „ihrer Verantwortung für ihre nationale Unabhängigkeit gerecht zu werden“. Damit spielt er auf die arabischen Staaten an, die den Amerikanern bei der Invasion in den Irak behilflich sind. Die englischsprachige libanesische Tageszeitung „Daily Star“ sieht voraus, dass der Krieg ähnlich fundamentale Umwälzungen für die Region nach sich ziehen wird, wie der Kollaps des Osmanischen Reiches und der Krieg arabischer Staaten gegen den neugegründeten Staat Israel 1948. Wenn die arabische Welt heute „geschockt“ darüber sei, dass sie passiv diese Veränderungen über sich ergehen lasse, müsse sie ihre eigene „Malaise“ endlich analysieren. Imperialismus, Zionismus, arabische Oligarchie und einseitige US-Politik spielten dabei sicher eine Rolle. Dennoch fordert die Zeitung eine „ehrliche und emotionslose Diagnose“, warum „wir so passiv sind angesichts der wiederholten Neuordnungen von außen.“ Erst wenn dies beantwortet sei, „können wir unser Leben selbst in die Hand nehmen“.

Ansonsten spiegeln die Kommentare Regierungspositionen wider. Die jordanische „Jordan Times“ vermeidet jegliche Verurteilung des Krieges. In einem Nebensatz wird er als „ungerechtfertigt“ bezeichnet. Ansonsten müsse unbedingt vermieden werden, dass der Ärger darüber zu Gewalt und „Vandalismus“ führe. Es sei „Zeit für Zurückhaltung“. Die oberste Priorität sei humanitäre Hilfe, und man müsse vermeiden, dass der Irak zerfalle. Die jordanische „Al Dustour“ zitierte König Abdallah, der nie einen Zweifel daran gelassen hat, dass er in diesem Krieg auf amerikanischer Seite stehen wird, in ihrer Schlagzeile: „Wir haben unser Bestes getan, um diesen Krieg zu vermeiden.“

Die in Jordanien wenig gelesene „Arab News“, macht mit der Schlagzeile auf: „Raketenangriff kam aus Jordanien“. Nach Angaben irakischer Soldaten soll die Rakete, die am Donnerstag einen jordanischen Lastwagenfahrer an einer Raststätte tötete, von jordanischem Territorium aus abgeschossen worden sein. Jordanien hat stets dementiert, dass von seinem Territorium aus Angriffe auf den Irak gestartet werden sollen. In der saudischen Presse sind die bittersten Angriffe auf die USA zu lesen. Dies soll offenbar als Ventil für den Frust der Bevölkerung dienen, die einen Krieg ablehnt, während ihre Regierung die USA von saudischem Boden aus operieren lässt. Die Zeitung „Al Riadh“ wirft den USA vor, ihre Prinzipien von Freiheit und Frieden zu verraten. „Barbarei kommt nicht nur von Kannibalen oder nackten Menschen im Dschungel. Sie kommt auch von denen, die Schweinesteaks vor ihren Bildschirmen essen, auf denen sie mörderische Waffen im Namen der Zivilisation dirigieren. Diejenigen, die Tausende von Irakern unter diesem Vorwand töten, ergänzen in Wirklichkeit die Taten eines Henkers wie Saddam Hussein.“ Die anderen Zeitungen rufen eher zu Ruhe und nationaler Einheit auf. Die „Saudi Gazette“ warnt jedoch davor, dass dieser Krieg mehr Terrorismus hervorbringen wird.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben