• Zeitenwende in Jugoslawien: Schwierige Brüder - Unter Kostunica entscheidet sich auch, ob Montenegro und Serbien zusammenbleiben

Politik : Zeitenwende in Jugoslawien: Schwierige Brüder - Unter Kostunica entscheidet sich auch, ob Montenegro und Serbien zusammenbleiben

Christoph von Marschall

Wohin man schaut, herrscht Freude über das Ende der Milosevic-Diktatur. Na ja, abgesehen von seinen politischen Vertrauten und den finanziellen Nutznießern des Regimes. Aber da gibt es noch zwei Gruppen, die den Machtwechsel mit zwiespältigen Gefühlen sehen: die Kosovo-Albaner und ein Großteil der Montenegriner. Solange Milosevic herrschte, schien es nur eine Frage der Zeit, wann Kosovo und Montenegro offiziell unabhängig werden. Und die Welt hatte Verständnis dafür angesichts der Unterdrückung. Bis zur Wende in Belgrad. Warum soll es für Kosovo-Albaner und Montenegriner unzumutbar sein, in einer Demokratie mit den Serben zusammenzuleben?

Die Kosovo-Albaner wünschen weiter die Eigenstaatlichkeit. Den Abzug des serbischen Militärs am Ende des Kosovo-Krieges und die Stationierung der Nato-Friedenstruppen, betrachten sie als Zwischenschritt dorthin. Doch die UN-Resolution 1244 vom Juni 1999 mit dem entsprechenden Mandat hält an der staatlichen Einheit des Kosovo mit Serbien fest. Es ist auch keine Volksabstimmung nach drei Jahren mehr vorgesehen, die zuvor diskutiert worden war. Der Westen ist gegen die Eigenstaatlichkeit, weil damit die Gefahr wächst, dass alle Albaner sich in einem Großalbanien vereinen wollen, wodurch die nächsten Grenzen in Frage gestellt würden.

Auch Montenegro steuerte unter Milosevic schließlich auf die Abspaltung zu. Aber dort sind die Sympathien geteilt. Jahrzehntelang galt das Zusammenleben mit dem serbischen Brudervolk für naturgegeben. Vielen geht es darum, die Gleichberechtigung wiederherzustellen, der bis zur oktroyierten Verfassungsänderung im Sommer galt. Politischer Proporz trotz der Ungleichheit: Montenegro hat 615 000 Einwohner, Serbien 9,7 Millionen. Auch eine Abspaltung Montenegros sähe der Westen ungern; die kleine Republik gilt als wirtschaftlich kaum lebensfähig. Vor allem aber wäre dies der gefürchtete Präzedenzfall für Kosovo, obwohl nur Montenegro als Teilrepublik das Sezessionsrecht der alten jugoslawischen Verfassung beanspruchen dürfte, nicht aber Kosovo, das nur eine autonome Provinz war.

Völkerrechtlich lassen sich die Konflikte nicht eindeutig klären. Prinzipien stehen gegeneinander: das Recht auf Selbstbestimmung - und der Grundsatz, dass Grenzen nur im Einvernehmen geändert werden dürfen. Die Zustimmung würde Serbien weder bei Kosovo noch bei Montenegro geben. So hat ein großes Taktieren begonnnen, ein Tauziehen um die öffentliche Meinung. Kosovo und Montenegro haben die Wahl vom 24. September boykottiert, weil Milosevic sie widerrechtlich angesetzt habe. Sie sind deshalb weder angemessen im neuen Parlament vertreten noch am Aufbau eines demokratischen Jugoslawiens beteiligt.

Wollen Kosovo und Montenegro die Unterstützung der Welt für ihre Anliegen erhalten, dürfen sie nicht mehr fordern, als angemessen erscheint. Umgekehrt muss der neue Präsident Kostunica etwas anbieten, was wie ein ausreichendes Eingehen auf berechtigte Forderungen wirkt - ohne die Serben gegen sich aufzubringen, die keine weitere Schwächung Jugoslawiens akzeptieren. Das grenzt, gemessen an den Erwartungen, an eine Quadratur des Kreises. Doch gelingt ihm das nicht, wird das Verständnis für Sezessionswünsche wieder wachsen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar