Zeitung im Salon : "Unter Sachsen" - ein Buch über ein schwieriges Bundesland

"Unter Sachsen" will und kann kein bequemes Buch sein. Am 7. November wird der Sammelband beim Tagesspiegel vorgestellt.

Gesprächsversuche. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich im August 2015 in Heidenau.
Gesprächsversuche. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich im August 2015 in Heidenau.Foto: Arno Burgi/dpa

Auf Anhieb hat er sich in die Sachsen verliebt: „in ihre gurgelnde, weiche Sprache, ihre Kommunikationsfreude und ihre Freundlichkeit, ihren unerschütterlichen, dem jüdischen so artverwandten Optimismus und Humor“. Küf Kaufmann, Schriftsteller in Leipzig und Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland, kam in den 1990ern aus Sankt Petersburg nach Leipzig und liebt Sachsen noch immer, diesen so schönen, kulturell so reichen Landstrich Deutschlands. Als er mit seinem Kabarettprogramm „Fröhlich und meschugge“, das sächsische und jüdische Witze enthielt, zum ersten Mal auf die Bühne trat und das donnernde Lachen des Publikums über den ersten jüdischen Witz vernahm, „da hatte ich verstanden: Diese meine Liebe ist gegenseitig.“

Küf Kaufmann ist einer von mehr als 40 Autorinnen und Autoren, die in dem Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ (Christoph Links Verlag, 311 Seiten, 18 Euro) versuchen, dem Phänomen Sachsen auf die Spur zu kommen. Mit seiner Liebeserklärung steht er allerdings ziemlich allein da. Denn den meisten anderen Autoren des Bandes, der von Tagesspiegel-Politikredakteur Matthias Meisner und der Journalistin Heike Kleffner herausgegeben wurde, geht es darum zu ergründen, warum ausgerechnet in Sachsen mit seinem niedrigen Ausländeranteil – unter drei Prozent – rechtspopulistische und -extreme Tendenzen so stark sind. Reportagen und Analysen behandeln das Entstehen von Pegida, rechtsfreie Zonen etwa in Colditz, den Hass in Freital oder Bautzen oder rechte Vordenker wie Jürgen Elsässer.

Das Buch wurde bereits im Frühjahr 2017 veröffentlicht, hat aber nach der Bundestagswahl an Aktualität noch gewonnen: Die AfD ist in Sachsen mit 27 Prozent der Stimmen zur stärksten Partei geworden, knapp vor der CDU. Im Tagesspiegel-Salon am 7. November stellen Matthias Meisner und Heike Kleffner das Buch vor und diskutieren mit dem in Leipzig lebenden syrischen Journalisten Tarek Khello und dem Meißener Bauunternehmer Ingolf Brumm genau darüber: Wieso finden AfD und Pegida, finden sogar rechtsterroristische Anschläge in Sachsen so viel Zustimmung – und was lässt sich dagegen unternehmen?

Ingolf Brumm ist einer, der sich der verbreiteten Fremdenfeindlichkeit entgegenstellt: Der Bauunternehmer, gebürtiger Meißener, hatte ein leerstehendes Mietshaus saniert, damit Flüchtlingsfamilien einziehen konnten. Im Juni 2015 wurde das Haus in Brand gesteckt, Brumm erhielt Morddrohungen. Menschen wie Brumm und die Opfer rechter Gewalt erfahren in ihrem Umfeld oft wenig Unterstützung.

„In Sachsen regiert die CDU seit 1990“, sagt Matthias Meisner. „Schon Biedenkopf hat im Jahr 2000 gesagt, die Sachsen seien ,immun gegen Rechtsextremismus' und diese Behauptung sogar eben erst wiederholt. Bis heute wollen sächsische CDU-Politiker die Bedrohung durch Rechtsextremisten nicht wahrhaben. Sie ziehen keine klaren Grenzen gegen rechts und verharmlosen die rechte Gewalt, indem sie sie mit linker Gewalt gleichsetzen.“
Als das Buch im Juni in Meißen vorgestellt werden sollte, gab es Ärger: Die Stadt wollte nicht zulassen, dass die Veranstaltung auf dem Literaturfest als „Podiumsdiskussion“ im Rathaus stattfinden durfte. Ähnlichen Ärger erlebten die Autoren auch in Berlin, als sich die sächsische Landesvertretung weigerte, einen Raum für die Buchpräsentation bereitzustellen. Sie fand dann in der thüringischen Landesvertretung statt.

„Unter Sachsen“ enthält neben den politischen Reportagen und Analysen auch viele „Zwischenrufe“, in denen sich die unterschiedlichsten Menschen über „ihr“ Sachsen äußern: von der Opernsängerin Iris Stefanie Maier über den in Sachsen verliebten Küf Kaufmann bis hin zu dem Journalisten Tarek Khello, der 2013 aus Syrien geflohen ist und heute unter anderem für den MDR arbeitet. Viele Flüchtlinge, so schreibt er, würden Sachsen gerne verlassen. „Aber manchmal frage ich mich: Müssen wir immer von woanders träumen? So oder so: Auf jeden Fall bedeutet woanders hinzugehen noch einmal zu fliehen.“

Buchverlosung

Wir verlosen Exemplare des Buchs. Mitmachen können Sie bis zum 15. Oktober unter www.tagesspiegel.de/gewinnen.

Anmeldung

Zeitung im Salon mit Matthias Meisner, Heike Kleffner, Ingolf Brumm, Tarek Khello und Andreas Wassermann, Moderation: Andrea Dernbach (Politik-Redaktion), Askanischer Platz 3 in Berlin, Dienstag, 7. November, Beginn 19 Uhr. Zur Anmeldung. Informationen zum Buch: www.untersachsen.de.

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