Zeitungs-Plagiat : Nachgemacht, vorgedacht

Die Globalisierungskritiker von Attac fälschen die Wochenzeitung "Die Zeit" – die gerechte Welt gibt es nun auf dem Papier.

Berlin - Eine Zeitung nur mit guten Nachrichten – das muss eine Fälschung sein. Ist es auch: Attac hat am Samstag eine Nachahmung der „Zeit“ in Verkehr gebracht, nach eigenen Angaben wurde es in einer Auflage von 150 000 Stück in mehr als 90 Städten verteilt. „Am Ende des Tunnels“, heißt es auf der Titelseite, als Erscheinungsdatum ist der 1. Mai 2010 angegeben.

Geht es nach den Globalisierungskritikern, wird die Welt also bereits in gut einem Jahr ganz anders aussehen: Die Nato ist weg, den armen Ländern wurden die Schulden erlassen. Der Wirtschaftsjournalist Lucas Zeise beschreibt in „Ende einer Ära“ die Veränderung der deutschen Bankenlandschaft nach dem Untergang zahlreicher Privatinstitute, Kabarettist Matthias Deutschmann das Ende des Kasinokapitalismus. Tagesspiegel-Redakteur Harald Schumann sagt auf der Titelseite voraus, dass sich die Industrie- und Schwellenländer auf einem G-20-Treffen auf eine weitreichende Besteuerung großer Privatvermögen und internationaler Konzerne geeinigt haben. Autorin Daniela Dahn stellt sich vor, wie es der Sender Social-TV sozialen Bewegungen weltweit ermöglicht, eigene Themen ins Fernsehen zu bringen.

Gefälscht ist das Blatt bis ins Detail. Eine Anzeige aufgegeben hat die „Initiative Neue Soziale Marxwirtschaft“, die ähnlich lautende Lobbyorganisation hat sich demnach gerade aufgelöst: „Ihre Ideologie ist – für alle sichtbar – gescheitert.“ Hartmut Mehdorn wird „prominent ignoriert“ – mit seiner Bewerbung beim Klimarat der UN scheitert der ehemalige Bahn-Chef, „nicht nur, weil er per Inlandsflug zum Vorstellungsgespräch kam“. Attac-Aktivistin Jutta Sundermann kommentiert, es gehe „nicht um ein fernes Paradies“. Die Nachrichten in der gefälschten Ausgabe der Wochenzeitung seien allesamt „denkbar und erstreitbar“.

Die Idee eines Zeitungsplagiats zur Wirtschaftskrise stammt aus den USA – dort hatten Aktivisten im vergangenen Jahr eine gefälschte „New York Times“ veröffentlicht. Die „Zeit“ selbst nahm die Aktion recht gelassen. Juristisch will der Verlag gegen Attac nicht vorgehen. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sagte dem Tagesspiegel: „Fälschungen der ,Zeit‘ können wir natürlich nicht billigen, zumal nicht in dieser guten Qualität. Am meisten staunen wir über den großen Aufwand, den man sich hier geleistet hat. Schön, dass es wenigstens Attac in der Krise gut geht.“ m.m.

Die Fälschung im Internet:

www.die-zeit.net

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