Zensus : Was sagen Zahlen über unsere Wirklichkeit?

Unsere moderne Gesellschaft will alles genau wissen, belegen und vorhersagen. Deshalb gibt es auch die am heutigen Montag startende Volkszählung. Doch was passiert, wenn die Zahlen nicht die Wirklichkeit zeigen?

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Daten sind das eine, die Wirklichkeit oft das andere.
Daten sind das eine, die Wirklichkeit oft das andere.Foto: dpa

Daten, Fakten, Zahlen – die bürokratisch- technokratische Maschinerie des modernen Sozialstaats schluckt sie in einem fort, analysiert sie, mischt sie, wägt und wiegt, und das Ergebnis ist: Politik. Zukunftsgestaltung, Gesellschaftssteuerung, Wirtschaftslenkung. Planung und Kontrolle. Nichts soll dem Staat entgehen. Die Volkszählung, die an diesem Montag beginnt, gehört dazu, sie soll das Datengerüst wieder auf eine aktuelle Grundlage stellen. Denn nichts ist schlimmer, als die Zukunft mit alten Daten und Zahlen gestalten zu wollen. Man könnte nämlich falsch liegen.

Welche Auswirkung haben falsche Daten?

Dass diese Form von Politik, die sich alle Lebensbereiche zur Gestaltung unterworfen hat, häufig richtig, vermutlich aber ebenso regelmäßig falsch liegt, dafür hat es in der vergangenen Woche ein schönes Beispiel gegeben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin musste erklären, warum binnen kurzer Zeit die von ihm erhobenen Daten zur Kinderarmut in Deutschland eklatant auseinanderlagen – erst 16,3 Prozent für das Jahr 2005, vier Jahre später aber bei 8,3 Prozent. Die erste Zahl stand in einer Publikation der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), auch einer eifrigen Datenverarbeitungsmaschine, deren Studien und Vergleiche einen hohen Einfluss auf die Politik in vielen Ländern haben. Für Deutschland hieß es damals aufgrund der DIW-Zahlen: Wir liegen deutlich über dem Schnitt. Die Politik sah sich zum Handeln veranlasst, denn durfte Deutschland so eklatant schlechter sein als andere OECD-Staaten?

Das Ergebnis war eine Erhöhung des Kindergelds. Aber auch auf die Diskussion über Investitionen in Bildung, ja die gesamte Schuldebatte hatte die Zahl von 16,3 Prozent Einfluss. Nun ist klar, dass sie eklatant falsch war. Die Folgen der Fehldiagnose sind möglicherweise Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe. Man kann ohne Weiteres annehmen, dass die Fehlmeldung bei der Kinderarmut kein Einzelfall ist. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass viele Daten, auf denen politische Entscheidungen beruhen, falsch, ungenügend oder manipuliert sind.

Wie werden Daten erhoben?

Viele Erkenntnisse beruhen auf Befragungen. Eines der größten Datensammelprojekte ist das sozio-ökonomische Panel des DIW, für das seit 1984 regelmäßig etwa 10 000 Personen befragt werden. Das Panel ist eine Hauptgrundlage für eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. Das DIW hat nun ein Problem zugegeben: Die Gruppe der „nicht befragungsbereiten Personen“ wächst offenbar, und damit sinkt die Qualität und Aussagekraft des Panels. Andere Untersuchungen basieren oft nur auf tausend oder einigen hundert Befragungen. Daneben gibt es die staatlichen Statistiken, gesammelt vom Statistischen Bundesamt und mehreren Landesämtern. Aber auch hier beruhen viele Daten auf Abfragen bei Ämtern, Firmen, Einrichtungen. Die Logik hinter all diesen Befragungen ist: Möglichst viele subjektive Daten ergeben am Ende ein objektives Bild.

Wer erhebt die Daten?

Es gibt eine ganze Reihe von staatlichen, halbstaatlichen und privaten Datensammlern. Auch Wissenschaftler gehören dazu. Diese Pluralität immerhin bringt Konkurrenz und ermöglicht eine gewisse gegenseitige Kontrolle – und damit für die Politik die Möglichkeit der Auswahl und Abwägung. Wie relativ Daten sein können, zeigte eine Untersuchung von sozialer Ungleichheit in mehreren Ländern im Jahr 2009. Etwa zu der Zeit, als die DIW-Zahlen für Deutschland noch eine überdurchschnittliche Kinderarmut anzeigten (was die Debatte über soziale Ungleichheit befeuerte), kamen zwei englische Soziologen zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland so ungleich gar nicht zugeht, jedenfalls deutlich weniger ungleich als in den USA, Großbritannien oder Australien, wenn auch ungleicher als in Japan oder Skandinavien. Doch sei gerade die Durchlässigkeit der Gesellschaft in Deutschland relativ hoch – kein Anlass für Alarmismus also.

Neben dem DIW gibt es sechs weitere große Wirtschaftsinstitute, die in großem Umfang Erhebungen veranstalten. Dazu gehört das ifo-Institut, das mit seinen Konjunkturbarometern einflussreich ist. Aber auch private Einrichtungen sind mit Datenerhebungen im Geschäft der Politikberatung und -beeinflussung aktiv, etwa die Bertelsmann-Stiftung.

Wo liegen die Probleme?

Neben der Unsicherheit von Befragungsergebnissen sind da die leitenden Interessen der Auftraggeber. So manche Untersuchung ist nicht vom hehren Ideal der unabhängigen Wissenschaft geprägt, sondern von Regierungen, Parteien und Verbänden finanziert, und die haben nicht immer nur ein Interesse an objektiven Erkenntnissen, sondern auch an tagespolitisch verwertbaren Zahlen. Eine überdurchschnittliche Kinderarmut kann einen Umverteilungswahlkampf unterfüttern und unterdurchschnittliche soziale Kürzungen rechtfertigen. Gerade Umfrageergebnisse sind zumindest zu einem guten Teil lenkbar: Antworten können durch entsprechende Fragestellungen in die gewünschte Richtung gelenkt werden.

Vor einem Jahr kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass Hartz-IV-Empfänger sehr aktiv sind und auch auf eigene Initiative nach Jobs suchen, was die Vorstellung von der „sozialen Hängematte“ zurechtrückte. Erhoben wurden die Daten von der Bundesagentur für Arbeit, Grundlage waren Aussagen von Langzeitarbeitslosen, von denen man annehmen kann, dass sie die eigene Initiative betonten. Ein Ergebnis der Studie war, dass zur Heranführung an den Arbeitsmarkt vor allem auch sozialpädagogische Unterstützung und Aktivierungsangebote zur beruflichen Qualifikation nötig seien. Also das, was die Bundesagentur im Programm hat.

Vergleichsstudien sind neben Umfragen ein gern eingesetztes Mittel zum politischen Zweck. Der „Pisa- Test“ etwa, der internationale Vergleich von Schülerleistungen, hat gerade in Deutschland eine starke Wirkung gehabt. Die schulpolitische Debatte wird seit zehn Jahren dadurch bestimmt, dass – etwas verkürzt gesagt – die finnischen Kinder besser waren als die deutschen. Und dass deshalb etwas zu tun sei. Zwar haben Kritiker von Beginn an darauf verwiesen, dass das OECD-Unterfangen des Schultests nur einen relativen Aussagewert hat, weil die Vergleichbarkeit über die vielen beteiligten Länder hinweg ihre Grenzen hat (und der Zuschnitt des Tests den Verhältnissen in Finnland offenbar sehr entgegenkam). Dennoch werden bis heute mit den „Pisa-Zahlen“ schulpolitische Defizite Deutschlands assoziiert, die es möglicherweise in dem behaupteten Ausmaß gar nicht gibt.

Wie groß ist der Einfluss von Datenerhebungen auf die Politik?

Der Einfluss von Umfragen und Erhebungen ist immens, weil der moderne Staat einen extrem hohen Grad an Zentralisierung von Entscheidungen erreicht hat. Hartz IV ist ein Beispiel dafür, denn ursprünglich war die Betreuung von Langzeitarbeitslosen eine Sache der Kommunen. Deren Entscheidungen beruhen stärker auf direktem Erleben und Kontakt, weil Kommunalbeamte einfach näher dran sind am Leben. Der Ministerialbeamte in Berlin und Brüssel aber, der Landes- und noch mehr der Bundesminister oder die EU-Kommissarin sind dagegen von direkten Eindrücken weitgehend abgeschnitten. Deren Welt sind die Zahlenreihen und Globalstudien, darauf basieren ihre Entscheidungen.

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