Zentralafrikanische Republik : Ein Staat zerfällt

In der Zentralafrikanischen Republik herrscht schon seit Jahren Chaos. Nun soll eine internationale Friedenstruppe die Milizen entwaffnen. Doch die tiefe politische und wirtschaftliche Krise wird das nicht lösen.

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Französische Soldaten durchkämmen die Hauptstadt Bangui nach Waffen. Friedenstruppen und Bevölkerung scheinen sich noch sehr unsicher gegenüber zu stehen.
Französische Soldaten durchkämmen die Hauptstadt Bangui nach Waffen. Friedenstruppen und Bevölkerung scheinen sich noch sehr...Foto: AFP

Allein in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui vermutet die französische Armee zwischen 3000 und 8000 Milizionäre, die sie zu entwaffnen versucht. Am Montag begannen die französischen Soldaten Bewaffneten ihre Waffen wegzunehmen. Einige Hundert Milizionäre sollen deshalb auch aus der Stadt geflohen sein. Freiwillig geben sie die Waffen jedenfalls nicht ab. Und wenn sie entwaffnet sind, laufen einige der Milizionäre, die in den Wochen vor dem französischen Militäreinsatz in der Stadt gewütet hatten, Gefahr, selbst Opfer aufgebrachter Einwohner Banguis zu werden. In den Wochen vor der Entscheidung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, einem Friedenseinsatz in dem Krisenstaat in Zentralafrika zuzustimmen, sind nach Angaben von Hilfsorganisationen mindestens 300 Menschen getötet worden. Die Zahlen beruhen auf Zählungen von Toten durch die Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen, die in dieser Woche versuchten, die Leichen in provisorische Leichenhallen zu bringen.

Wie gefährlich der Einsatz werden könnte, erlebten die französischen Soldaten schon am Anfang der Woche. Zwei Fallschirmspringer starben in der Nacht zum Dienstag bei Gefechten in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Bangui, berichtete der Auslandssender RFI. Kurz bevor die Nachricht bekannt geworden war, kündigte der französische Staatspräsident François Hollande an, er werde von Südafrika aus nach Bangui fliegen. Dort konnte er nicht viel mehr tun, als der Truppe zu versichern, dass sie einen wichtigen Einsatz zum Schutz der Menschen absolviere.

Die französische Armee will ihr Kontingent von zuvor 400 Soldaten, die vor allem den Flughafen der Hauptstadt Bangui geschützt hatten, auf 1600 Soldaten erhöhen. Das wichtigste Ziel der Mission ist „die Entwaffnung“ der Milizen, hat Hollande gesagt. Auch die Afrikanische Union ist mit Truppen in dem notorisch instabilen Land vertreten, aktuell mit rund 2500 Soldaten, es sollen irgendwann 6000 sein. Allerdings hat die AU bisher keinen Zeitplan für die Aufstockung der Friedenstruppen vorgelegt. Die bisherigen Entwaffnungsaktionen in der Zentralafrikanischen Republik waren wenig erfolgreich.

Übergangspräsident Michel Djotodia ist schon lange in der Politik der Zentralafrikanischen Republik. Bis vor ein paar Monaten war er noch mit dem von ihm gestürzten ehemaligen Präsidenten Francois Bozizé verbündet.
Übergangspräsident Michel Djotodia ist schon lange in der Politik der Zentralafrikanischen Republik. Bis vor ein paar Monaten war...Foto: Reuters

Die jüngste Krise folgt dem jüngsten Putsch vom März 2013. Damals eroberte die muslimische Séléka-Koalition die Hauptstadt und stürzte den 2003 ebenfalls durch einen Putsch an die Macht gekommenen François Bozizé, der zunächst nach Kamerun und inzwischen offenbar nach Frankreich geflüchtet ist. Der Anführer der Séléka-Koalition, Michel Djotodia, erklärte sich zum Präsidenten und versprach Wahlen innerhalb von drei Jahren. Allerdings entglitt ihm die Kontrolle über seine Rebellenkoalition schnell. Im September löste er die Séléka offiziell auf. Das hinderte die Milizionäre allerdings nicht daran, plündernd durch die Dörfer zu ziehen und hunderte Menschen zu töten. Derweil bildeten sich im ganzen Land Gegenmilizen, die sich entlang der religiösen und ethnischen Grenze zwischen dem Norden und dem Süden des Landes bildeten. Weil muslimische und christliche Milizen Teil des Konflikts sind, war im Westen schnell die Rede von einem „Religionskrieg“ oder gar einem „Genozid“. Mit diesem Argument hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die französisch-afrikanische Eingreiftruppe bewilligt. Mit Staatszerfall ist die aktuelle Krise allerdings präziser beschrieben.

Michel Djotodia bestritt in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters Ende November, dass in seinem Land ein Genozid stattfinde. „Es ist schlichte Rache“, sagte er. „Ein gewalttätiges Regime ist gestürzt, und die Opfer nehmen Rache. Das ist alles.“ . Bozizé hatte zudem südafrikanische Truppen ins Land geholt, offenbar vor allem um sich selbst zu schützen. Bei den Kämpfen mit den Rebellentruppen im März starben 13 südafrikanische Soldaten, 28 wurden verletzt. Dieser bis dahin geheim gehaltene Einsatz südafrikanischer Soldaten hat in Pretoria innenpolitische Konflikte ausgelöst.

Den größten Einfluss auf die Krise hat allerdings das Nachbarland Tschad. Darauf weist der Chef des Instituts für Afrikastudien am Hamburger Giga, Andreas Mehler, in einem aktuellen Kommentar hin. Der Präsident des Tschad, Idris Deby, hatte schon 2003 den damaligen Putschisten François Bozizé auf dem Weg an die Macht gestützt. Der Handel in Bangui und anderen wichtigen Handelszentren ist fast ganz in der Hand von Händlern aus dem Nachbarland. Schon seit Jahren halten sich Soldaten aus dem Tschad zum Schutz dieser Händler im Nachbarland auf. Allerdings ist es dennoch mehrfach zu Lynchmorden an tschadischen Händlern gekommen. Im März jedenfalls entschied sich Deby, Bozizé fallen zu lassen. Ohne die Unterstützung von Deby wäre es Michel Djotodia wohl kaum gelungen, Präsident zu werden. Ob er es noch lange bleiben wird, wenn er lediglich das Chaos regiert, steht auf einem anderen Blatt.

Aktuell sind nach UN-Angaben rund 400 000 der 4,6 Millionen Einwohner des Landes auf der Flucht. Mehrere Zehntausend Menschen haben sich ohne Zelte, Wasser oder ausreichende Sanitärversorgung auf das Flughafengelände in Bangui gerettet. Übrigens nicht nur vor den Séléka-Milizen. Auch die in Uganda vor 20 Jahren entstandene „Lord’s Resistance Army“ von Joseph Kony treibt in der Zentralafrikanischen Republik ihr Unwesen. Deshalb waren bis zum Putsch mit Bozizés Billigung auch ugandische Truppen im Land. Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass die Gewalt nicht einmal vor Hospitälern halt macht. In ihren Kliniken hätten sie mehrfach Patienten und Bewaffnete trennen müssen, berichtet die Hilfsorganisation.

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